FAIRCONOMY-Newsletter 100
- Die Formel für Gerechtigkeit: r = g
- Mustererbbaurechtsvertrag
- Buch "Bullshit Jobs"
- Mittel gegen Wohnungsnot
1. Aktuelles

INWO.de & Co
Zwischen 2020 und 2025 haben Norbert Olah, Thomas Huth und Dirk Löhr in der Zeitschrift für Sozialökonomie mehrere Arbeiten veröffentlicht, in denen sie die Bedingung r = g aus den Standardwerkzeugen der Wachstumstheorie ableiten: r ist der Zins auf Kapital. g ist das Wachstum der Wirtschaft. Das (Wirtschafts-)Wachstum darf also nicht kleiner als das Zinsniveau sein, soll es nicht zu sozialer Spaltung und anderen unerwünschten (aber real beobachtbaren) Effekten kommen. Jetzt gibt es die eigene Netz-Präsenz r = g, um prominent auf diesen Zusammenhang hinzuweisen.
Aus einer Nachricht von Prof. Dirk Löhr an INWO & Co: „Das Bundesbauministerium hat unseren Mustererbbaurechtsvertrag veröffentlicht. Hoffentlich wird er ausgiebig genutzt und hoffentlich trägt er dazu bei, dieses bislang unterschätzte Instrument zu verbreiten.”
Christian Gelleri hat eine Dissertation über die von ihm initiierte Freigeld-Parallelwährung „Chiemgauer“ geschrieben: Komplementärwährungen – Was tragen sie zur sozial-ökologischen Transformation bei? Ein transdisziplinäres Realexperiment (Rezension von Prof. Johann Walter bei der Zeitschrift für Sozialökonomie, 29.09.).
Klaus Willemsen erinnert in seinem Fairconomy-Blog an Sieben Jahre Negativzins in der Schweiz – ein zukunftsweisendes Experiment (11.09.).
INWO-Vorstand Bastian Kranz sprach (Youtube, 26.05.2026) mit Michael Fielsch von angstfrei BGE über Fairconomy und BGE, sowie über mögliche Synergien.
Die Boden-Sonderausgabe der Fairconomy-Zeitschrift ist in Arbeit und soll noch im Oktober dieses Jahres erscheinen.
Im Juli war der INWO-Vorsitzende Felix Fuders in Deutschland zu Besuch und gab dem „Besseres Geldsystem“-Gründer Thomas Jörder ein kurzes Video-Interview (4:55 min) zu INWO und Freiwirtschaft.
Josh Sidman von der Silvio Gesell Foundation hat als Guest Editor an einer Silvio-Gesell-Sonderausgabe des American Journal of Economics and Sociology mitgewirkt. Er schreibt dazu: „The issue features articles on different aspects of Gesell written by twelve authors from seven countries. This project more than doubles the number of articles that exist on Silvio Gesell in peer reviewed economics journals.“ („Die Ausgabe enthält Artikel zu verschiedenen Aspekten von Gesell, verfasst von zwölf Autoren aus sieben Ländern. Durch dieses Projekt hat sich die Anzahl der Artikel über Silvio Gesell in begutachteten wirtschaftswissenschaftlichen Fachzeitschriften mehr als verdoppelt.“)
Fairconomy in der „Gastwirtschaft“
Mit Wie man eine Stadt effektiv zerstört: Die traurige Wahrheit über Mietpreisbremsen (16.06.) und Zins zwingt Wirtschaft zum Wachstum – und treibt Klimawandel an (10.08.) hat der INWO-Vorsitzende Felix Fuders zwei Kommentare für die „Gastwirtschaft“ geschrieben.
Gerechte Verteilung: Ein Mittel gegen knappe Kassen ist der letzte „Gastwirtschaft“-Kommentar von Klaus Willemsen (04.08.).
Andreas Bangemann hat für die „Gastwirtschaft“ Elon Musk prophezeit: Geld spielt 2036 keine Rolle mehr geschrieben (24.08.).
2. Termine
9. Oktober, Berlin: Geld-Symposium, wo verschiedene Geldreformer ihre Ideen zur Diskussion stellen. Letztes Jahr war hier INWO-Mitstreiter Christian Gelleri auf dem Podium, dieses Jahr wird die INWO mit einem Büchertisch mit mehreren Mitstreitern präsent sein.
3. Film- und Buchtipps
David Graeber: Bullshit Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit. Klett-Cotta, Stuttgart 2019, 463 Seiten ISBN 978-3-608-98108-7

Im Fairconomy-Newsletter 42 von 2013 stellte ich David Graebers für Geldreformer äußerst relevantes und für mich sehr lesenswertes Buch Schulden: die ersten 5000 Jahre (deutsch 2012) vor. Seit langem schon plante ich, sein Buch „Bullshit Jobs“ zu lesen und eine perfekte Kombination aus Anlass und Gelegenheit war meine diesjährige „Freisetzung“ aus dem Erwerbsarbeitsprozess. Praktischerweise ist das komplette Buch (auf Englisch) im Netz kostenlos lesbar – passend, für das Werk eines Anarchisten.
Grundlage des Buches ist die Bullshitjob-Definition: Arbeitsplätze, die es besser nicht geben sollte ("jobs, that really should not exist"). Wer kann am besten sagen, dass ein Arbeitsplatz eigentlich unnötig wäre? Laut Graeber sind dies die solche Arbeitsplätze besetzenden Angestellten selbst. Graeber nennt zwei an sich schon schockierende Zahlen zur Häufigkeit von „Bullshit Jobs“: laut einer YouGov-Umfrage dächten 37 Prozent der Briten, ihre Arbeit leiste keinen sinnvollen Beitrag zur Welt und in Holland liege der Anteil sogar bei 40 Prozent. Dazu kämen noch zahlreiche Bullshit-Jobs „zweiten Grades“, also an sich sinnvolle Arbeiten (Bau, Reinigung, Kochen...), die aber nur der Organisation von Bullshit-Jobs dienen.
Das Buch ist im Stil mal akademisch (was die Definitionen angeht) und mal anekdotisch, bei der Beschreibung vieler Einzelfälle. Häufig wird Graeber auch persönlich und da zeigt sich wieder eine geistige Verwandschaft zum Freiwirtschafts-Vordenker Gesell („Der abgebaute Staat“, 1927). So schreibt er „I look forward to seeing states dismantled entirely“.
Zwar handelt das Buch nicht direkt von der Wirtschaft oder gar der Geld- und Bodenordnung, aber die Organisation von Arbeit (und die damit heute stark zusammenhängende Verteilung von Einkommen) gehören natürlich auch zum „Haushalten“ einer Gemeischaft, ob global, staatlich oder kleiner. Insofern sehe ich das Buch, obwohl ich es als eher episodenhaft empfand, als eine empfehlenswerte Lektüre für Freiwirte (wenn man Graebers „Schulden“ schon gelesen hat).
Vlado Plaga, September 2026

4. Interessantes aus Netz und Medien
„Dänemark verwendet „rostendes Geld“ nach Silvio Gesell!“, könnte man meinen. In einer NDR-Meldung („Stand“ 06.07.) heißt es:
„Auch beim analogen Bezahlen gibt es in Dänemark einiges zu beachten, denn alle alten Kronen-Banknoten sind seit dem 31. Mai ungültig. Das betrifft nach Angaben der Dänischen Nationalbank Druckserien aus dem Jahr 1997 und frühere Reihen sowie die 1.000-Kronen-Scheine der aktuellen Banknoten-Serie aus dem Jahr 2009. […] Insgesamt sollen im In- und Ausland noch alte Scheine im Wert von umgerechnet rund 350 Millionen Euro im Umlauf sein, teilt die Nationalbank mit.“
16,8 Milliarden Euro Mehrkosten – Iran-Krieg trifft deutsche Haushalte immer härter schreibt der Focus (02.09.). In der Meldung versteckt steht auch, dass die EZB wegen „des neuen Inflationsdrucks“ ihre Leitzinsen zum 11. Juni erhöht habe. Die Leute haben also wegen der Kriege höhere Kosten und könnten deshalb höhere Löhne verlangen... EZB: „lasst uns mal Geld teurer machen, damit die Investitionen weniger werden und die Arbeitslosigkeit steigt – Hauptsache, der Euro-Wert bleibt stabil“. :(
Der digitale Euro kommt: Wie die EU das Bargeld verdrängt ist ein längerer Artikel Hakon von Holsts in der Berliner Zeitung. Zitiert werden darin unter anderem Felix Fuders und mehrfach Dirk Löhr
Nach dem Wahlsieg der Linken in Berlin droht der Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ aus dem Jahr 2021 jetzt umgesetzt zu werden. Aber, darauf weist SOLD CITY im Rundbrief vom Juni 2026 hin, die CDU hat vorgesorgt: „Ein Gesetz soll die Vergesellschaftung verhindern“. Ein „Meilenstein für den Schutz privaten Wohneigentums in Deutschland“ schreiben die Wohnungseigentümer („aktualisiert“ am 27.07.).
Die Tagesschau nennt den Wiener Gemeindebau als Ein Beispiel gegen die Wohnungsnot (24.09.). Immitierbar sei das allerdings auf die Schnelle nicht. Schnell wirken könnte dagegen das ebenfalls von der Tagesschau vorgestellte Konzept Wohnungstausch gegen Wohnungsnot (19.05.) der „Mainzer Wohnbaugesellschaft“. Mit dem Wohnraum ist es ein wenig wie mit dem Geld (und da gibt es auch einen starken Zusammenhang): es gibt nicht zu wenig davon, er ist nur falsch verteilt..

Eine weitere Möglichkeit, relativ kurzfristig mehr Wohnraum anzubieten, wäre die Umnutzung von ungenutzten Büroflächen. Dazu hat der Wirtschaftsdienst den Artikel Wohnraummangel trotz Büroleerstands: Investitionsaufschub auf dem Immobilienmarkt von Prof. Dirk Löhr veröffentlich (in Heft 7/ 2026). Der NDR hat das Thema aufgegriffen und die 44-minütige Video-Reportage Umbau statt Abriss? Zu viele Büros - zu wenig Wohnraum dazu gesendet (inklusive Interview mit Dirk Löhr, am 04.08.).
Am 14. September hatten die Nachdenkseiten gleich drei interessante „Hinweise des Tages“ hintereinander:
- Lars Klingbeil ist ein elender Heuchler (Norbert Häring zur geplanten Annahmepglicht von Digitalzahlungen, ohne vergleichbare Bargeld-Annahme-Pflicht),
- Konnektivität grenzüberschreitender Zahlungen steht im Vorfeld des BRICS-Gipfels im Fokus und
- Eine Lokalwährung konkurrenziert seit zehn Jahren die Banken (zum Baskischen Eusko).
Und der Arme sagte bleich ... (30.09.) überschreibt die junge Welt einen Artikel zum neuesten »Global Wealth Report«, laut welchem jeder Bundesbürger im Schnitt 91.780 Euro Geldvermögen besäße.
Als „große Klammer“ zum „r = g“ vom Anfang dieses Rundbriefs zum Schluss eine Video-Empfehlung: Wirtschaftswissenschaftler Michael Hudson beim geopolitischen Politikwissenschaftler Glenn Diesen mit Das Finanzsystem des Westens am Rande des Zusammenbruchs („The West's Financial System on the Brink of Collapse“, 56 Minuten, veröffentlicht am 20.08.). Etwa bei Minute 8 sagt Hudson darin: „The whole idea, that made the takeoff of civilization, and the entirety of Asia, again from Mesopotamia to Egypt... to China, so different, was the recognition, that the great destabilizing force was the growth of debt growing faster than the economy to pay it.“ (deepl-Übersetzung: „Der entscheidende Gedanke, der den Aufschwung der Zivilisation und ganz Asiens – erneut von Mesopotamien über Ägypten bis hin nach China – so einzigartig machte, war die Erkenntnis, dass die große destabilisierende Kraft darin bestand, dass die Verschuldung schneller wuchs als die Wirtschaft, die sie hätte tilgen müssen.“).
5. Worte... zum Schluss
Wir brauchen nicht nur Zuckerbrot, sondern auch Peitsche. Zuckerbrot sind die Förderprogramme usw. Aber die Peitsche müssten Abgaben sein, die das Abwarten der Investoren belasten. Das Warten muss teuer werden.
Dirk Löhr, Hochschule Trier, über die Möglichkeit der Politik, gegen leerstehende Büroräume vorzugehen (NDR-Doku 2026, s.o.)
Mit freundlichen Grüßen
Vlado Plaga und Mitstreiter
