Europas Problem ist nicht mangelnder Fleiß, zu wenig Subventionen oder unfairer Wettbewerb von außen, sondern eine Geldordnung, die bei strukturell niedrigen Wachstumsraten systematisch Investitionen verhindert und Krisen verschärft. Wer unter diesen Bedingungen an positiven Realzinsen festhält, produziert zwangsläufig Insolvenzen, Überforderung der öffentlichen Haushalte und wachsende politische Instabilität – mit direkten Folgen für die demokratische Ordnung.
Das stetige Klagen über einen schwächeren Dollar, chinesische Industriepolitik oder die Kosten des Klimaschutzes verfehlt den Kern. Diese Faktoren mögen Verteilungskonflikte verschärfen, sie erklären aber nicht, warum selbst ökonomisch sinnvolle Investitionen in Europa unterbleiben. Entscheidend ist vielmehr das Zinsniveau: Wenn die realen Wachstumsraten nahe Null liegen, müssen auch die Kapitalmarktzinsen entsprechend niedrig sein. Andernfalls wird Kapital zurückgehalten, Schulden werden untragbar und wirtschaftliche Anpassung findet nur noch in Form von Kahlschlag statt.
Eine konsequente Null- bis Negativzinspolitik ist deshalb kein ideologisches Projekt, sondern eine ökonomische Notwendigkeit. Sie reduziert die Zinslasten von Staaten und Unternehmen, stabilisiert Beschäftigung und schafft den Spielraum, überholte und ökologisch schädliche Produktionsstrukturen sozialverträglich zurückzubauen. Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt zudem, dass Finanzmärkte unter solchen Bedingungen keineswegs kollabieren – im Gegenteil: Investitionen, Innovation und Vollbeschäftigung werden erst möglich.
Wer Finanzstabilität ernst meint, muss daher bereit sein, Geldhortung aktiv zu begrenzen. Stabilität entsteht nicht durch die Verteidigung von Renditeansprüchen, sondern durch eine Geldpolitik, die sich an realen Wachstumsbedingungen orientiert. Dass dieser Zusammenhang in Politik und Leitmedien weiterhin tabuisiert wird, ist kein Zufall – aber es ist ein gefährliches Versäumnis angesichts der sozialen, ökologischen und demokratischen Herausforderungen, vor denen Europa steht.
„Die Krise unserer Volkswirtschaft wird rasch gelöst, wenn eine CDU-Regierung das Ruder übernimmt.“ So lautete das Versprechen von Friedrich Merz. Jetzt haben wir „eine Wirtschaftsministerin, die so tut, als säße sie nicht am Steuer“, kommentiert Jannik Pentz vom Bayerischen Rundfunk zurecht in den Tagesthemen. Und doch geht seine Kritik am Thema vorbei. Die ökonomischen Widersprüche lassen sich erst auflösen, wenn man die Renditeansprüche des Finanzkapitals hinterfragt. Es braucht eine konstruktive Nullzinspolitik.
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Klaus Willemsen, 03.02.2026
Verwendete Quellen:
https://www.ardmediathek.de/video/Y3JpZDovL3RhZ2Vzc2NoYXUuZGUvN2M4ZmE4MzYtZTEzZC00ZjhjLWFjMTktNzAwMDEwNWY1YTFkLVNFTkRVTkdTVklERU8
https://inwo.de/medienkommentare/brauchen-banken-eine-geldgebuehr.html
