Ein Gespenst geht um in Europa,

… das Gespenst der negativen Leitzinsen.

Den für Zinskritiker wohl beeindruckendsten Artikel des abgelaufenen Jahres schrieb Philip Plickert am 17. Dezember in der FAZ. Mit Verweisen auf namhafte Persönlichkeiten wie Greg Mankiw, Willem Buiter, Mervyn King und Ansgar Belke beschreibt der Autor das gesellschaftlich und wissenschaftlich noch immer völlig unterbelichtete Problem der Geldhortung und wie dem zu entkommen ist.

Die Unterbrechung des Geldkreislaufes, die seit fast zwei Jahrzehnten die japanische Wirtschaft lähmt, ist längst auch in den USA und Europa zu einer gefährlichen Realität geworden. Während Banken und Sparer immer größere Bestände horten, pumpen die Notenbanken ständig neue Liquidität in den Markt und vergrößern so das Inflationspotential. Im Frühjahr 2012, als die Banken „aus Vorsicht lieber Liquidität horteten, waren in der Einlagenfazilität der EZB in der Spitze mehr als 800 Milliarden Euro.“ (<link http: www.faz.net aktuell finanzen anleihen-zinsen geldpolitik-das-gespenst-der-negativen-leitzinsen-11996945.html external-link-new-window external link in new>FAZ, 17.12.12) „Derzeit liegen in der EZB-Einlagenfazilität gut 235 Milliarden Euro“, schrieb Philip Plickert. Geld, das dem Geldmarkt vorenthalten wird und damit einem weiteren Absinken des Marktzinses entgegenwirkt. Eine „negative Einlagenfazilität würde den Interbankenmarkt und das Kreditgeschäft“ ankurbeln und damit den Taler wieder zum Wandern bringen. 

Aus prominentem Munde ist von diesem folgerichtigen Schritt nur selten zu hören. Es war daher eine kleine Sensation, als EZB-Präsident Mario Draghi auf einer Pressekonferenz äußerte, die Zentralbank sei „operationell bereit“, negative Zinsen auf Übernachteinlagen einzurichten. „Man habe im geldpolitischen Rat schon darüber diskutiert“, zitiert ihn die FAZ.

Bereits im Juli 2009 hat die schwedische Riksbank als erste Zentralbank in jüngerer Zeit ihren Einlagenzinssatz auf minus 0,25 gesenkt, erinnert der Autor. Der Makroökonom Ansgar Belke von der Universität Duisburg-Essen beurteilte diese Maßnahme grundsätzlich positiv: „Dies war recht effektiv.“  In der Gesamtabwägung bleibt er jedoch skeptisch: „Zum einen wagte man sich mit einem solchen Schritt auf nahezu unbekanntes Gelände, und die Auswirkungen lassen sich nur schwer abschätzen (…). Zum anderen ist fraglich, ob die Banken dann wirklich Kredite an Unternehmen vergeben oder ob nicht doch eher Spekulationen mit Immobilien und Rohstoffen oder anderen Vermögenswerten befeuert werden und die Saat für eine neue Krise gelegt wird.“ (FAZ)

Kritisch beleuchtet werden seine Einwände allerdings zu Argumenten für eine Geldgebühr zur Sicherung des Geldumlaufs, wie sie die INWO fordert. Der Hinweis, dass man sich auf „nahezu unbekanntes Gelände“ begibt, sollte für Praktiker und Theoretiker eine Aufforderung zum Handeln sein. Bedenkt man, welche katastrophalen Folgen wieder steigende Zinssätze für Wirtschaft und Gesellschaft haben werden, ergibt sich zwingend, den sich abzeichnenden Ausweg zu prüfen.

Sein zweiter Einwand ist sachlich vollkommen berechtigt, darf aber nicht als Blockade für die Lösung des Zinsdilemmas hingenommen werden. Die Eindämmung der Spekulation mit Immobilien und Rohstoffen ist ein zentrales Anliegen in allen modernen Gesellschaften. Viele namhafte Ökonomen haben darauf hingewiesen und Vorschläge unterbreitet. Ein dauerhaft niedriges Geldmarkt-Zinsniveau verlangt eine Entkapitalisierung des Bodens, damit dieser handelbar und optimal nutzbar bleibt.

Völlig richtig ist auch Belkes Einwand gegen den Negativzins, „die Banken, die zu viel Geld hätten, würden wohl einfach Bargeld in ihren Tresoren horten, statt den Strafzins der EZB in Kauf zu nehmen.“ (FAZ) Aus diesem Grund muss der richtige Ansatz negativer Leitzinsen mit der Forderung nach einer Gebühr auf die Bargeldhaltung zu Ende gedacht werden. Die Rücksicht auf zu schwache Banken, die der Makroökonom Peter Bofinger anführt, können nicht ernsthaft als Argument gegen die beschriebenen Maßnahmen geltend gemacht werden.

Der Beitrag endet mit dem Satz: „Insgesamt glauben die meisten Ökonomen also nicht daran, dass die EZB den Einlagenzins unter null senken wird. Negative Zinsen blieben damit ein theoretisches Gespenst.“ (FAZ) Bevor aus diesem Gespenst ein segensreiches Instrument in den Händen der Zentralbanken werden kann, sind noch viele Fragen zu klären. Einen wichtigen Beitrag in diese Richtung stellt der Artikel von Philip Plickert dar.  Einen weiteren bietet die Perspektiventagung „der nächste Crash kommt…“ am 15. und 16. März in Essen: <link http: www.perspektiventagung.de>www.perspektiventagung.de

Klaus Willemsen, 14.01.2013

Verwendete Quelle:
<link http: www.faz.net aktuell finanzen anleihen-zinsen geldpolitik-das-gespenst-der-negativen-leitzinsen-11996945.html>www.faz.net/aktuell/finanzen/anleihen-zinsen/geldpolitik-das-gespenst-der-negativen-leitzinsen-11996945.html