Ist der deutsche Sparer ein Looser?

Herbert Walter, bis 2009 Chef der Dresdner Bank, beklagt in einem Handelsblatt-Beitrag, dass Sparer in Spanien und Italien weit höhere Zinsen erhalten als die deutschen Sparer. Damit wird der deutsche Sparer zum Verlierer der Niedrigzinspolitik, lautet sein Resümee.

Professor Walter setzt sogar noch einen drauf mit seiner Behauptung, durch ihre Niedrigzinspolitik würde die Notenbank unerlaubte Sozialpolitik, in Form von Vermögensumverteilung, betreiben. Eine provokante These, die dem rationalen Beobachter nicht nachvollziehbar ist. Woher leitet er das Recht auf leistungslose Einkünfte durch dauerhaft hohe Zinssätze her?

Walter anerkennt zwar, dass „die niedrigen Zinsen die Last der aufgenommenen Kredite für die privaten Kreditnehmer überall in der Euro-Zone“ reduziert. Dadurch bekämen jedoch vor allem die mit „Hypothekenkrediten belasteten Verbraucher in den Krisenländern – und auch die öffentlichen Kreditnehmer – wieder Luft zum Atmen. Das war gewollt und es ist die gute Seite der EZB-Krisenpolitik.

Für die weniger verschuldeten Deutschen fällt die Entlastung entsprechend geringer aus, worin er eine Ungerechtigkeit erkennen will. Dies ist besonders verblüffend, da er im nächsten Absatz das unterschiedliche Zinsniveau, vollkommen zu Recht, mit der unterschiedlichen Risikobereitschaft erklärt. „Sicher wollen die Deutschen bei ihren Spareinlagen möglichst jedes Risiko ausschließen, auch wenn das Rendite kostet und ihr Geldvermögen wegen der Inflationierung auch nicht vor Verlusten schützt. Aber in der aktuellen Situation den Bundesbürgern vorzuwerfen, sie würden falsch sparen, ist unfair bis zynisch. Vor der Krise konnten auch risikoscheue Anleger eine ordentliche Realrendite erzielen. Das ist heute unmöglich für diese Anlegergruppe, allein deswegen, weil die EZB mit ihrer Geldpolitik die Regeln des Marktes außer Kraft gesetzt hat.

In der Konsequenz fordert Professor Walter hohe Zinserträge ohne Risiko für die deutschen Sparer. Genau dies würde aber die Regeln des Marktes außer Kraft setzen. Und damit fordert er genau das, was er selbst der EZB unterstellt.

Seine Forderung ist aus einem weiteren Grund völlig irrational. Wenn die Sparkonditionen in Spanien oder Italien tatsächlich lukrativer wären als in Deutschland, steht es jedem deutschen Sparer frei, sein Vermögen bei einer Bank in Spanien oder Italien anzulegen. Dies kann er bequem vom Sofa aus arrangieren, ohne dafür Hof und Familie im Stich zu lassen. Das Gejammer vom deutschen Looser ist völlig überflüssig. Der Professor sollte besser Tipps vorlegen, wie es gelingt unsere Währung wirklich inflationsfrei zu gestalten.

Klaus Willemsen, 6.8.2013

Verwendete Quelle:
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