Ist die US-Gesellschaft in ihrer Spitze tatsächlich durchlässig und kommt man vor allem durch eigene Leistung ganz nach oben, wie es die Karrieren von Bill Gates, Warren Buffett und Mark Zuckerberg vermuten lassen? Oder ist es ausschlaggebender, in welche Dynastie man hineingeboren wird, wie es die Riege der US-Senatoren vermuten lässt? Der Artikel „<link http: www.nzz.ch wirtschaft wirtschafts-und-finanzportal der-flirt-mit-dem-reichsten-prozent-1.18311049>Der Flirt mit dem reichsten Prozent“ von Christoph Eisenring zur Einkommensverteilung in den USA erweckt den Eindruck, dass es Millionen Amerikanern mindestens einmal im Leben gelingt, zu der kleinen Elite der wirklich Reichen zu gehören. Wörtlich schreibt er: „Demnach gehört immerhin jeder achte Amerikaner mindestens einmal dem obersten Prozent an.“ Um zu diesem Prozent der Spitzenverdiener zu gehören, genügt, laut einer aktuellen Untersuchung, bereits ein Jahreseinkommen von 332000 US-$, für manchen Broker die Größenordnung einer ordentlichen Bonuszahlung. Nur bei genauer Betrachtung des Textes wird klar, dass sich diese Feststellung lediglich auf den Vergleich von Erwerbseinkommen bezieht. Relevant in der Gruppe der Reichen und Superreichen ist jedoch vor allem das Kapitaleinkommen.
Eisenring möchte beweisen, dass die USA keine gespaltene, von wenigen superreichen Familien beherrschte, Gesellschaft sind. Dazu sind die von ihm verwendeten Untersuchungen jedoch ungeeignet. Entscheidend wäre eine Antwort auf die Frage, wie groß das Vermögen jener kleinen Bevölkerungsschicht ist, die dauerhaft zum Club der wirklich Reichen gehört. Relevant wären auch Untersuchungen darüber, wie viel "Reichtum" durch Arbeitseinkommen entsteht und wie groß im Verhältnis dazu die Einkommen aus Kapitalbesitz sind. Problematisch für die Gesellschaft ist es ja nicht wirklich, dass einzelne Sportler, Künstler, Manager oder Unternehmer Millionen verdienen. Problematisch, weil es den Grundsatz der Leistungsgerechtigkeit zerstört, ist der Umstand, dass immer mehr Reichtum aus Besitztiteln generiert wird. Konkret formuliert: Einkommensmillionär wird man leichter, indem man Kapitalbesitz ererbt oder ergaunert, als durch harte Arbeit und eine gute Geschäftsidee. Dies gilt in zunehmendem Maße für das alte Europa und in besonderem Maße für Länder im Umbruch, wie China und Russland. Es gilt aber auch und sehr kontinuierlich für die USA.
Der NZZ und dem Autor Christoph Eisenring sind damit zumindest schlechte Recherche und ideologische Argumentation vorzuwerfen, wenn sie formulieren:
„Die Vorstellung, dass die USA eine rigide Klassengesellschaft seien, ist jedoch falsch, wie der Blick auf die Einkommensverteilung zeigt. Amerika ist weiter ein Land der Chancen – die Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär ist nicht nur ein Mythos.“ Zweifellos besteht in den USA eine vergleichsweise gute Chance, durch Arbeit und Leistung Wohlstand zu erwerben. Und es ist hier auch möglich, gewissermaßen aus dem Nichts, der reichste Mann der Welt zu werden. Für die Beurteilung, ob man von einer rigiden Klassengesellschaft sprechen kann oder muss, ist dies jedoch von untergeordneter Bedeutung.
Klaus Willemsen, 30.5.2014
Verwendete Quelle:
www.nzz.ch/wirtschaft/wirtschafts-und-finanzportal/der-flirt-mit-dem-reichsten-prozent-1.18311049
