Es ist zu begrüßen, dass Gewerkschafter den Zusammenhang von Dividenden und Löhnen wieder neu thematisieren. Einige der großen Aktiengesellschaften geben mehr Geld für Dividenden als für Löhne aus. Doch die Gegenüberstellung dieser beiden Größen, so plausibel sie ist, greift zu kurz. Vordergründig hat das Management bei der Festlegung der Dividendenausschüttung einen großen Spielraum. So leistet es sich der TUI Vorstand, zum vierten Mal in Folge, eine Dividende zu verweigern, ohne dafür gefeuert zu werden. Dennoch ist die Dividende eine vom Kapitalmarkt abgeleitete Größenordnung. Das jeweilige Management hat hier Entscheidungsspielräume, die grundsätzliche Dimension der Dividendenströme wird aber vom Markt bestimmt.
Ausschlaggebend ist das Niveau der Kapitalmarktzinssätze. Trotz der aktuellen Überflutung der Märkte mit Zentralbankgeld zahlt die deutsche Wirtschaft immer noch fast 7% für neue Kredite. Ökonomen, die dies stutzig macht, sucht man vergebens. Aus Sicht der Unternehmer sind 7% kein Problem. Und für die Gewerkschaften erst recht nicht. Mit der Fremdkapitalbelastung haben sie ja scheinbar nichts zu tun. Doch dies ist aus zwei Gründen ein historischer Irrtum.
Die Dividendenzahlungen, die der Kapitalgeber erwartet, orientieren sich am Kapitalmarktzins. Erst wenn dieser sich spürbar der 0%-Marke nähert, investieren Anleger auch in Werte mit dauerhaft minimalen Dividenden. Bleibt der Zinssatz hoch, verlieren Aktien mit dauerhaft niedrigen Dividenden an Attraktivität. Der Wertverlust kann eine feindliche Übernahme zur Folge haben, mit der Zerschlagung des Unternehmens und der Entlassung großer Teile der Belegschaft.
Der wesentliche Irrtum besteht in der Verkennung der Größenordnung. Von den etwa zehn Billionen Euro, die wir Deutschen besitzen, sind fast 50% Geldanlagen aber weniger als 3% Aktienwerte. Der Großteil der Geldanlagen sind Ersparnisse, die von den Banken in Form von Krediten gegen Zinsen ausgeliehen werden. Von den 300 bis 400 Milliarden Euro, die jährlich für Zinsen aufgebracht werden, stemmt die Wirtschaft deutlich mehr als die Hälfte. Die von deutschen Aktiengesellschaften ausgegebenen Dividendenzahlungen sind im Verhältnis dazu "Peanuts".
Entscheidend mehr Spielraum für höhere Löhne und sinkende Dividendenzahlungen erzielt man dann, wenn der Kapitalmarktzins dauerhaft gegen null tendiert. Hier bietet sich für linke Ökonomen ein spannendes Forschungsfeld.
Klaus Willemsen, 17.02.2012
Der Autor ist freier Referent und ehrenamtlicher Vorstand der „Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung e.V.“
Löhne & Dividenden
Die DAX-Konzerne haben in den letzten 10 Jahren ihre Dividendenausschüttungen stärker erhöht als die Löhne. Die Pflege der Aktionäre ist den Vorständen wichtiger als die Motivation der Belegschaft, lautet der nahe liegende Verdacht aus Gewerkschaftskreisen.
