Sehr geehrter Herr Bofinger,

„ins Knie geschossen“ habe sich Thomas Piketty bei seiner Kritik des Kapitalismus. Im SPIEGEL begründen Sie dies mit der Interpretation der vorliegenden Fakten. Ihrer Meinung nach liegt die Kapitalrendite seit 100 Jahren unter der realen Wachstumsrate, weshalb es das Umverteilungsproblem in der unterstellten Form nicht gäbe.

Die Beurteilung des Zahlenmaterials lässt mit Sicherheit verschiedene Bewertungen zu und wird an anderer Stelle ausgiebig betrieben. Mich interessiert daher Ihre Schlussfolgerung als Wissenschaftler mit Blick auf eine andere Perspektive. Welche Auswirkung hat die Kapitalrendite, wenn die Bürger aufgrund ihrer Bedürfnisse ihren Konsum nicht mehr jedes Jahr steigern wollen und wenn die Legislative darauf verzichtet, mithilfe der Gesetzgebung immer neues Wachstum zu stimulieren? Was passiert in unserer Gesellschaft, wenn sich immer mehr Bürger vom (immer mehr) Konsum-Gedanken abwenden und lieber weniger arbeiten?

Vermutlich werden Sie meine Fragestellung als skurril empfinden, da die Zunft der Ökonomen das Wachstumsparadigma gewissermaßen als Naturkonstante der Ökonomie begreift. Der Verzicht auf Wirtschaftswachstum führt heute zu sozialen Konflikten. Die politische Entscheidung zu wirtschaftlichem Nullwachstum kann daher nur eine Perspektive sein, wenn gleichzeitig die Kapitalrendite gegen Null sinken kann. Die Geldvermögen müssten demnach auch bei Guthabenzinssätzen um null dem Kapitalmarkt für langfristige Ausleihungen zur Verfügung stehen und die private Bodenrente müsste vollständig abgeschöpft werden. Beide Voraussetzungen scheinen für etablierte Ökonomen kaum einer Betrachtung wert.

Der SPIEGEL zitiert Sie mit folgenden Worten: "Der Anteil der Arbeitseinkommen am Volkseinkommen sinkt seit Jahrzehnten, während der Anteil der Zinseinnahmen und Kapitalerträge steigt. Deshalb haben wir nicht nur ein Gerechtigkeit-, sondern auch ein riesiges Nachfrageproblem.“ Eine dauerhafte Kapitalrendite nahe Null würde den Spielraum für eine massive Ausweitung der Arbeitsverträge schaffen. Höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten, konstante bzw. sinkende Mietbelastungen, sinkende Kreditlasten und nicht zuletzt niedrigere Steuern wären möglich.

Spielt diese Perspektive in Ihren Überlegungen und Untersuchungen eine Rolle?

Klaus Willemsen, 18.7.2014

Verwendete Quelle: Der SPIEGEL, 23/2014