Sehr geehrter Herr Jens Ulbrich,

als Bundesbank-Chefvolkswirt brauchen Sie nicht für höhere Tarifabschlüsse zu werben. Das Verdienst der Notenbank an höheren Lohnabschlüssen ist es allenfalls, durch die niedrige Inflation die Kreditkosten, und damit die Kapitalbelastung, minimiert zu haben. Die stetig rückläufigen Kapitalkosten schaffen in der Wirtschaft und bei den öffentlichen Arbeitgebern den notwendigen Spielraum für die durchaus notwendigen Lohnerhöhungen.

Ihre Argumentation ist widersprüchlich und schafft daher erhebliche Verwirrung. Sie unterstellt, dass Lohnerhöhungen derzeit vorteilhaft sind, weil sie helfen, ein Inflationsziel von 2% zu erreichen. Den Arbeitnehmern, Selbstständigen, Rentnern, Sparern und der Wirtschaft im Ganzen wäre jedoch mehr gedient, wenn die Notenbank den Geldumlauf ganz ohne Inflation und mit einem entsprechend niedrigen Zinsniveau gewährleisten würde.

Ihr Problem als Bundesbank-Chefvolkswirt besteht in der permanent rückläufigen Geldzirkulation in der Realwirtschaft. Die unkalkulierbare Ausweitung der Geldmengen ist die Folge. Bereits aus dem Bundesbank-Monatsbericht Juni 2009 entnehmen wir, dass nur noch 10% der herausgegebenen Geldscheine für Transaktionen verwendet werden. Die Geldmenge M2 hat sich von 2009 auf 2012 auf die Summe von 8.692 Mrd. Euro verdoppelt. Das heißt, immer mehr Geld wird weder ausgegeben noch langfristig ausgeliehen und fehlt daher in der Nachfrage.

Über den Umweg von Lohnerhöhungen und durch die weitere Ausweitung der Zentralbank-Geldmenge wollen Sie eine Inflation erreichen, die wiederum die Enthortung der überproportional angewachsenen Geldbestände stimulieren soll. Man könnte diese Herangehensweise mit dem Slogan beschreiben: Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?
Das Handikap dabei: Ihre Vorgehensweise beruht auf dem Prinzip Hoffnung und es ist wenig wahrscheinlich, dass sie erfolgreich ist.

Ein wirkungsvolles Instrument zur Enthortung der überproportional angestiegenen Geldbestände hätte die Notenbank mit der Erzeugung von Durchhaltekosten auf das Notenbankgeld und gegebenenfalls auf die Girokontenbestände. Liquiditätskosten in Form einer Hortungsgebühr würden direkt, und durch die Notenbanker steuerbar, den überproportionalen Anstieg der Geldmengen wieder zurückführen. Das enthortete Geld käme direkt in die Nachfrage oder würde anderen Marktteilnehmern über noch günstigere Konditionen als Kredit zur Verfügung stehen. Günstigere Kredite bedeuten eine geringere Kapitalbelastung und schaffen somit Spielraum für angemessene Löhne.

Sehr geehrter Herr Ulbrich, von der Süddeutschen und dem Spiegel werde Sie mit folgenden Worten zitiert: <link http: www.sueddeutsche.de wirtschaft niedrige-inflation-bundesbank-wirbt-fuer-hoehere-tarifabschluesse-1.2054790>"Unser Beurteilungsmaßstab als Notenbank ist einzig die Preisstabilität“. Preisstabilität bedeutet, dass meine Ersparnisse und mein Rentenanspruch auch in 30 Jahren einen mit heute vergleichbaren Wert haben. Dies ist mit 2% Inflation nicht machbar. Mit einer Liquiditätsgebühr wäre die Notenbank in der Lage, den Geldumlauf auch bei einem Kapitalmarktzinsniveau und einer Inflation um null zu gewährleisten. Unter diesen Bedingungen könnten Sie die Tarifpolitik guten Gewissens den etablierten Tarifpartnern überlassen.

Klaus Willemsen, 22.07.2014

Verwendete Quelle:
<link http: www.sueddeutsche.de wirtschaft niedrige-inflation-bundesbank-wirbt-fuer-hoehere-tarifabschluesse-1.2054790>www.sueddeutsche.de/wirtschaft/niedrige-inflation-bundesbank-wirbt-fuer-hoehere-tarifabschluesse-1.2054790