"Wörgl, 8. Dezember 1943, acht Uhr früh. Die Limousine kam im Morgengrauen, aus den Bergen. SS-Hauptsturmführer Sebastian Wimmer lässt an der einzigen Zapfsäule des Ortes tanken. Der Kriegsgefangene im Wagenfond mustert aufmerksam die Fassaden: 'Die Geschäfte sind geöffnet', notiert Édouard Daladier in sein Tagebuch, 'aber die Waren stehen verlassen in den Schaufenstern'. Daladier hat Wörgl anders in Erinnerung. Schon einmal ist er hier gewesen, im Sommer 1933. Damals war Daladier noch Frankreichs Ministerpräsident. Und er kam eigens angereist, nur um Wörgls regen Handel zu studieren. In den Alpen werde die 'Revolution von 1789 in wirtschaftlicher Hinsicht' fortgesetzt, berichtete er begeistert seinen sozialistischen Parteifreunden zu Hause."
In seinem spannenden Beitrag „<link www.brandeins.de/magazin/der-beste-weg-zum-kunden/der-geldzauberer.html - external-link-new-window "Opens external link in new window">Der Geldzauberer</link>“, greift Thomas Wendel die bedeutende Erkenntnis des Sozialisten Daladier auf. Dieser hatte erkannt, dass der Geldstreik die entscheidende Ursache der Wirtschaftskrise und der Massenarbeitslosigkeit war und dass in Wörgl mit den Ideen des Silvio Gesell der Krise wirksam entgegengetreten wurde.
Frankreichs Sozialisten, die Linksradikalen und die Grünen verfügen in der neuen Nationalversammlung mit 341 der 577 Sitze über eine klare Mehrheit. Mit dieser Mehrheit könnte man Gesellschaft maßgeblich verändern. Die monetäre Selbstalimentation der Vermögenden könnte beendet werden. Entscheidend dafür ist aber nicht die Höhe der Steuersätze, sondern das Verständnis über das Funktionieren von Geld. Leider gibt es in der Linken weltweit keine Handvoll Fachleuten, die sich mit der Funktionsweise von Geld auseinandersetzen. Die französische Linke kann jedoch überraschend unkonventionell sein. In der Tradition von Daladier und durch das Desaster der aktuellen Finanzkrise ist zu hoffen, dass die Funktionsweise des Geldes und die Möglichkeit des Geldstreiks von den Verantwortlichen aufgegriffen und gelöst wird.
In der Presse wird die Frage aufgeworfen, ob und gegebenenfalls was aus der Finanzkrise der 1930er Jahre zu lernen ist. „1931 ging es darum, sich in der Abwärtsspirale der Weltwirtschaft zu behaupten, sei es durch verordnete Kostensenkung und somit wettbewerbsfähige Preise, sei es durch staatliche Defizitfinanzierung, um die <link www.ftd.de/politik/europa/:bankenkrise-vergesst-den-vergleich-mit-1931/70051842.html - external-link-new-window "Opens external link in new window">Rolle der "streikenden" privaten Investoren zu kompensieren</link>.“ (FTD) Die Rolle der „streikenden“ privaten Investoren ist der entscheidende Hebel für die Lösung der Fiskalkrise. Anstatt immer neues Geld in die Märkte zu pumpen, müssen die vorhandenen Vermögen auch bei sinkenden Renditen zum Einsatz kommen. Dies darf nicht länger über neue staatliche Schulden erfolgen. Das Zurückhalten von Geldvermögen muss Kosten verursachen. Nur diese Sprache wirkt an den Finanzmärkten.
Klaus Willemsen, 21.06.2012
Der Autor ist freier Referent der <link www.INWO.de>Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung</link> e.V.
Verwendete Quellen:
brand eins 09/2003
<link www.brandeins.de/magazin/der-beste-weg-zum-kunden/der-geldzauberer.html>http://www.brandeins.de/magazin/der-beste-weg-zum-kunden/der-geldzauberer.html</link>
FTD, 19. Juni 2012
<link www.ftd.de/politik/europa/:bankenkrise-vergesst-den-vergleich-mit-1931/70051842.html>http://www.ftd.de/politik/europa/:bankenkrise-vergesst-den-vergleich-mit-1931/70051842.html</link>
