»Hunderttausende verrichten einen öden Job, weil ihre Wohnung es verlangt«, ist die Kolumne im HANDELSBLATT überschrieben. Weiter ist dort zu lesen: »Eigentlich arbeiten wir mehr für unsere Wohnung als für uns selbst. Die Wohnungen in Deutschland sind offenbar die eigentlichen Machthaber.« Die Diagnose des Autors ist als dringend gebotene Provokation zu verstehen. Doch sie bleibt unvollständig. Denn nicht »die Wohnungen« üben Macht aus. Macht entsteht dort, wo Knappheit auf Eigentum trifft – und genau das prägt den Immobilienmarkt.
In angespannten Wohnungsmärkten verschiebt sich die Macht systematisch zugunsten der Eigentümer. Wohnraum ist keine neutrale Hülle, sondern ein renditegetriebenes Gut. Wer besitzt, bestimmt die Bedingungen. Wer nicht besitzt, passt sich an. Das Ergebnis ist eine stille, aber tiefgreifende Umverteilung: Einkommen fließt von Arbeit zu Vermögen.
Im Klartext: Die einen arbeiten, um Mieten und Kredite zu bedienen. Die anderen profitieren von steigenden Preisen und gesicherten Einnahmen. Diese Struktur ist kein Zufall, sondern Ausdruck politischer und ökonomischer Rahmenbedingungen, die Boden und Immobilien als Anlageklasse privilegieren.
Gerade deshalb greift Prüfers Perspektive zu kurz. Wenn Menschen »für ihre Wohnung arbeiten«, dann nicht wegen einer abstrakten Macht der vier Wände, sondern wegen eines Marktsystems, das Wohnraum verknappt, verteuert und zur Einkommensquelle für wenige macht.
Seiner Schlussfolgerung, dass Menschen weniger arbeiten würden, wenn Wohnen günstiger wäre, kann man zustimmen – aber sein Schlusssatz, ohne diese Zwänge wäre »die Wirtschaft am Ende« ist zynisch und falsch. Die entscheidende Frage ist nicht, wie Menschen sich verhalten, sondern warum sie überhaupt in diese Lage gebracht werden. Wenn das System die Existenzbedrohung als Motor braucht, gilt es die Struktur zu ändern, die diesen Zusammenhang bewirkt. Ein entkapitalisierter Wohnungsmarkt würde mehr verändern als individuelle Lebensqualität. Er würde Abhängigkeiten reduzieren, Verhandlungsmacht verschieben und Freiräume schaffen – für andere Formen des Arbeitens, des Wirtschaftens und des Zusammenlebens.
Solange jedoch Wohnen als Ware organisiert ist und nicht als Grundversorgung, bleibt die Logik bestehen: Viele arbeiten, damit wenige verdienen.
Wer das ändern will, muss nicht die »Macht der Wohnungen« hinterfragen, sondern die Eigentumsverhältnisse am Boden – denn dort liegt der eigentliche Hebel. Einen Hinweis auf Lösungsansätze liefert sein Kollege Christian Schnell in dem Beitrag »Die Renaissance des Erbbaurechts«.
Lesen Sie hierzu auch: »Warum ist Wohnen so teuer?«, »Rendite mit der Miete« und »Grundsteuer: Zeitgemäß!«.
Klaus Willemsen, 30.03.2026
Verwendete Quellen:
(Das HANDELSBLATT hat Überschriften und Texte der online-Version gegenüber der Printausgabe deutlich entschärft – schade. Im Text sind die Zitate der Printausgabe zitiert.)
https://inwo.de/boden-aktuell/warum-ist-wohnen-so-teuer.html
