In einem Vorabdruck einer neuen Studie in der WELT, stemmen sich Rürup und sein Mitautor Dirk Heilmann gegen eine vermeintlich große Koalition „die das Wirtschaftswachstum verächtlich macht.“ Eine Abkehr vom Wirtschaftswachstum sei letztendlich unsozial, da sie der großen Mehrheit der Menschen den Zugang zu Wohlstand und Sicherheit vorenthalte. Es sei "geradezu pervers" Milliarden von Menschen das „Ende des Wachstums zu predigen". Der Artikel zeigt allerdings deutlich die Schwächen der Wachstumsargumentation auf.
Ein Großteil der Wachstumskritik sei lediglich ein Streit über Begrifflichkeit. Das BIP als Gradmesser für Wohlstand ist sicherlich nicht ausreichend. Wichtig ist daher zu erkennen, dass man zwischen materiellem Zuwachs und subjektivem Wohlbefinden der Individuen unterscheiden muss.
Ein gravierender Fehler der Autoren besteht darin, dass sie nicht zwischen satten und defizitären Volkswirtschaften unterscheiden. Die Steigerung der Produktion in Deutschland trägt wenig dazu bei, Hungernden Nahrung und armen Menschen Bildung zu gewährleisten. Im Gegenteil, jedes weitere U-Boot, jede Tonne Fleisch und jede neue Luxuslimousine vergrößern die Kluft zwischen Armen und Reichen in Griechenland, Chile oder den Philippinen. Der Zwang europäischer und amerikanischer Volkswirtschaften, den Export permanent zu steigern, ist mitverantwortlich dafür, dass sich andere Regionen schwertun mit der eigenen Entwicklung. Der deutsche Exportüberschuss wird von den Ländern mit Importüberschuss finanziert. Und jeder Euro der für die wachsenden Schulden fällig wird, fehlt in diesen Ländern bei der Entwicklung der eigenen Infrastruktur.
Irrig ist auch die Annahme der Autoren, technische Innovation und menschlicher Erfindungsgeist seien auf Wirtschaftswachstum angewiesen. Der Fortschritt ermöglicht uns Energie und Ressourcen zu sparen, Unfälle und Krankheiten zu minimieren sowie schädliche Produktionsprozesse zu ersetzen. Lebensqualität und Wohlstand sind nicht darauf angewiesen, immer mehr zu produzieren oder immer mobiler zu werden. Die technische Innovation macht eine Optimierung der Mobilität, der Gesundheitsversorgung, der Bildung und der Kultur möglich, ohne die materielle Basis ausweiten zu müssen.
Die Notwendigkeit für permanentes wirtschaftliches Wachstum resultiert aus dem stetig wachsenden Anspruch des Kapitals. Die Kapitaleinkommen waren seit Jahrzehnten schneller als die Arbeitseinkommen. Daher verarmen alle arbeitenden Menschen auf Dauer, selbst wenn ihre Gesamtleistung konstant bleibt oder sogar leicht steigt. Dieser Prozess ist nur durch ein Wirtschaftswachstum deutlich über drei Prozent umkehrbar. Und hier liegt das eigentliche Defizit des Beitrags: die Autoren nennen nicht die Konsequenz einer dreiprozentigen Wachstumsrate.
Drei Prozent Wirtschaftswachstum bedeutet die Verdoppelung der Wirtschaftsleistung innerhalb von 23,5 Jahren. Und jede Wirtschaftsleistung ist nur dann sinnvoll, wenn am Ende ein entsprechend gesteigerter Konsum erfolgt. Wohl jeder kann sich ein Bild davon machen, was es für ihn bedeutet, den eigenen Konsum alle 25 Jahre verdoppeln zu müssen.
Die Illusionen, dass gerade die Ärmsten der Armen von diesem „Konsumterror“ profitieren könnten, empfinde ich als pervers. Ich hoffe, dass die Studie von Rürup und Heilmann, die dieser Tage erscheint, mehr zu bieten hat als der Vorabdruck in der WELT.
Klaus Willemsen, 26.02.2012
Der Autor ist freier Referent und ehrenamtlicher Vorstand der „<link www.inwo.de/>Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung</link> e.V.“.
Verwendete Quelle:
<link www.welt.de/print/die_welt/vermischtes/article13874920/Hoert-nicht-auf-die-Wachstumshasser.html>http://www.welt.de/print/die_welt/vermischtes/article13874920/Hoert-nicht-auf-die-Wachstumshasser.html</link>
