Berliner Zeitung: Kritik am Wirtschaftswachstum von Alternativ-Ökonom Binswanger

In einem Interview von Robert von Heusinger spricht der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Hans Christoph Binswanger über das neue Interesse an der Wachstumskritik, die Ursachen des Wachstumszwangs und mögliche Alternativen. Nullwachstum sei derzeit schlicht nicht möglich und führe in die nächste Krise.

"Ohne Wachstum funktioniert das ganze System nicht. Es ist zum Wachstum verdammt.", sagt Binswanger und bestätigt die These des Interviewers, dass die Debatte um Wohlstand ohne Wachstum an den realen Bedingungen des Kapitalismus vorbeigeht.

"Der moderne Kapitalismus mit Geld und Schulden braucht permanentes Wachstum, sonst bricht das Wirtschaftssystem zusammen. (...) Wer die Dynamik des Systems negiert, hat seine Wirkungsmechanismen nicht durchdrungen. (...) Stabilisierung auf einem einmal erreichten Niveau, Nullwachstum also, ist unmöglich. Wenn die moderne Wirtschaft nicht wächst, gerät sie in die Krise mit all den schlimmen Folgen wie Pleiten, Bankzusammenbrüchen und höherer Arbeitslosigkeit."

Binswanger erklärt in der Berliner Zeitung ausführlich am Beispiel eines Unternehmens, wie der Zwang zum Wachstum ganz praktisch entsteht. Und er schlägt ein Minimalwachstum vor: 1,8%. Weltweit liegt es derzeit bei 5%. So steuere man allerdings auf einen ökologischen Gau zu. Um den zu verhindern fordert Binswanger, der Doktorvater von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ist und als Erfinder der Öko-Steuer gilt, eine unabhängige Zentralbank und weniger mächtige Geschäftsbanken sowie eine Reform der Aktiengesellschaften, die derzeit zum Wachstum verpflichtet seien.