Bernard Maris - zum Tod eines „betroffenen“ Ökonomen

Beim Attentat auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ wurde auch der Ökonom, Journalist und Schriftsteller Bernard Maris getötet. Maris, Jahrgang 1946, gehörte zur Redaktion des Satireblattes und steuerte jede Woche als „Onkel Bernard“ eine Kolumne zu ökonomischen Themen bei. Außerdem war er Professor an der Universität Paris VIII und seit 2011 Mitglied des französischen Zentralbankrats! Eine bemerkenswerte Kombination, die ihn selbst amüsiert hat.

Maris hat für verschiedene Zeitungen geschrieben, war präsent im Rundfunk und im Fernsehen. Entsprechend groß ist die Zahl der Nachrufe, die man auf ihn findet. In Deutschland tauchte er in der Berichterstattung nach dem Attentat wohl nur in den Feuilletons auf, in Berichten über das neueste Buch von Michel Houellebecq („Unterwerfung“), dessen Freund er war. Aus Anlass des Erscheinens dieses Buches zierte Houellebecqs Karikatur auch das Titelblatt der letzten Ausgabe von „Charlie Hebdo“ vor dem Anschlag. Über Houellebecq hat Maris auch ein Buch geschrieben: „Houellebecq économiste“ („Houellebecq als Ökonom“). 

Ein Sympathisant des „schmelzenden Geldes“ von Silvio Gesell
Und Professor Maris war ein Sympathisant des „schmelzenden Geldes“ („monnaie fondante“) von Silvio Gesell. Damit war er bereits der zweite Franzose aus den Inner Circle der Zentralbanken, der sich öffentlich mit Gesell beschäftigte. Während aber Benoît Cœuré in seiner <link www.bis.org/review/r140911a.htm>Rede</link&gt; vor der Geldmarkt-Kontaktgrupe der EZB zwar Gesell zum Aufhänger seiner Rede machte, aber nicht wirklich erkennen ließ, wie er zur Idee Gesells steht, äußerte Maris seit Jahren seine Sympathie und regte zur Beschäftigung mit Gesell an.

Maris war ein Anhänger von Keynes. Auch über ihn hat er ein Büchlein geschrieben. Sein Anliegen war es, die Ökonomie einem breiten Publikum nahezubringen. Und dabei die Ökonomen zu entlarven, als Nicht-Wissenschaftler, als Ideologen, gar als Sektierer. Keynes war es wohl auch, der ihn auf Gesell brachte. Maris weist immer wieder auf die Anerkennung von Keynes für Gesell hin.

Eines der großen Themen von Maris war die Akkumulation von Geld, nach der die Menschen streben, eine Akkumulation, die irgendwann einmal sinnlos wird, ein besinnungsloses Rennen darum, „der Reichste auf dem Friedhof“ zu sein. Das „schmelzende Geld“ aber eignet sich nicht für die Akkumulation. Das faszinierte Maris offensichtlich.

Ein unbequemer Ökonom
Maris galt als „linker“ Ökonom. Er war ein Kritiker des Kapitalismus, der Globalisierung, der Konsumgesellschaft, der Austeritätspolitik, des Euro, er plädierte für eine teilweise öffentliche und private Entschuldung, ein existenzsicherndes Grundeinkommen, für weniger Arbeit. Maris unterzeichnete das Manifest der „économistes atterrés“, der „betroffenen Ökonomen“. Er war Gründungsmitglied von Attac Frankreich, kandidierte für die Grünen, „war präsent - und wie - auf dem Weltsozialforum 2001 in Porto Alegre“ (René Passet, Attac) und kämpfte in der „Französischen Vereinigung für Politische Ökonomie“ (AFEP) zuletzt für die Schaffung einer Sektion „Wirtschaft und Gesellschaft“ im französischen Wissenschaftsministerium - der sich orthodoxe Ökonomen widersetzten, u. a. mit einer Streikdrohung.

Alle waren Charlie nach dem Attentat, aber „Nicht alle sind Bernard Maris“, wie die Zeitschrift „Marianne“ titelte. Vor allem die Politiker, die vorneweg marschierten beim „Marche Républicaine“ am 11. Januar (jedenfalls ein paar Meter).

Nur wenige Kommentatoren haben einen Zusammenhang gesehen zwischen „einer zerstörerischen neoliberalen Politik der Ausgrenzung, Ausbeutung und Vernichtung fundamentaler Lebensgrundlagen und sozialer Sicherungssysteme weltweit“ (Attac) und den Morden in Paris. Und wenige sehen, dass es auch unsere Politik und unser Lebensstil sind, die geändert werden müssen (s. Mario Pianta), um dem Terrorismus den Nährboden zu entziehen.

Mit Maris ist eine Stimme verstummt, die sich dem Mainstream entgegenstellte und sich für „eine Wirtschaft des Teilens mit sinnvoller Arbeit, kulturellen Gemeingütern und sozialer Solidarität“ (Mario Pianta) einsetzte.    

„The senseless death of Bernard Maris brings us back to our duty

to oppose injustice, and first and foremost the one produced

by our countries, our power, our consumption.“

Mario Pianta


Walter Hanschitz, 12.2.2015
 

Links:
Über Maris:
<link www.atlantico.fr/decryptage/en-hommage-bernard-maris-critique-houellebecq-economiste-flammarion-soumission-charlie-hebdo-attentat-critique-avis-livre-essai-1950811.html&gt;http://www.alterecoplus.fr/nous-sommes-charlie/adieu-a-bernard-maris-201501081145-00000568.html
opendemocracy.net/can-europe-make-it/mario-pianta/bernard-maris-fury-of-capitalism-and-fury-of-terrorism
www.attac.de/index.php
www.marianne.net/Tout-le-monde-n-est-pas-Bernard-Maris-_a243823.html
www.atlantico.fr/decryptage/en-hommage-bernard-maris-critique-houellebecq-economiste-flammarion-soumission-charlie-hebdo-attentat-critique-avis-livre-essai-1950811.html</link&gt;


Von Maris („Pourquoi lire Keynes?“):
<link www.alternatives-economiques.fr/page.php;http://www.alternatives-economiques.fr/page.php?controller=article&action=htmlimpression&id_article=14264&id_parution=138</link>

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ps.

Philippe Frémeaux, „Adieu à Bernard Maris“:

„Im Nachruf auf den verstorbenen Gilles Dostaler ... schrieb er [Maris]: „Wie alle „Widerspenstigen“ unserer Generation wurde Gilles von der Heiligen Dreifaltigkeit Nietzsche, Marx und Freud befruchtet. Und sehr bald war er von Keynes fasziniert. ... Keynes rettete uns ... vor der Trostlosigkeit, in die uns die orthodoxe Ökonomie stürzte.“

Aus dieser intellektuellen Verwandtschaft [von Maris und Dostaler] wurde v. a. „Capitalisme et pulsion de mort“ (Kapitalismus und Todestrieb, 2009) geboren, ein anregendes Buch, das die Gedanken von Freud und Keynes gegenüberstellte, das mit Scharfsinn die Triebfedern der maßlosen Suche nach der Ansammlung von Geld  analysierte, die unsere Gesellschaft beherrscht. Mit Verweisen auf Bataille, aber auch die Vertreter des „schmelzenden Geldes“, wie Silvio Gesell. Über den Platz des Geldes im Kapitalismus nachzudenken, war also nicht nur eine Herausforderung in Begriffen der makro-ökonomischen Regulierung, sondern ging viel weiter, es führte zu der Frage nach ... den Bedingungen einer befriedeten Gesellschaft.“ (Hervorhebung von WH)

(<link www.alterecoplus.fr/nous-sommes-charlie/adieu-a-bernard-maris-201501081145-00000568.html&gt;http://www.alterecoplus.fr/nous-sommes-charlie/adieu-a-bernard-maris-201501081145-00000568.html</link>)