Beschrieben wird, wie skrupellose Banker Geldinstitute von Dienstleistern des Kreditgewerbes zu Zockerbuden umfunktioniert haben; wie seriöse Bankangestellte von geldgierigen Rambos verdrängt wurde. Als Schuldige werden neoliberale Theoretiker und Politiker aller regierenden Parteien ausgemacht. Gemeinsam haben diese zu verantworten, dass immer mehr Finanzgeschäfte ohne Bezug zu realen Werten getätigt werden.
Richtig ist zweifelsohne, dass eine Trennung zwischen Geschäftsbanken und Investmentbanking stabilisierende Wirkung hat. Richtig ist auch, dass die Erfindung immer neuer und undurchschaubarer „Produkte“ die Instabilität fördert. Diesbezüglich ist der Artikel sehr empfehlenswert. Ein eklatantes Versäumnis ist jedoch, dass zwei entscheidende Ursachen der Instabilität unseres Finanzsystems völlig unterbelichtet bleiben.
Im globalen Finanzkasino fehlt die Haftung für das eigene Handeln. Die Wetten auf Kursentwicklungen werden mit dem Geld anderer Leute durchgeführt. In den meisten Fällen sogar mit Geld, dass lediglich vortäuschen soll, für den Wetteinsatz haften zu können. Junge Menschen mit bester Schulbildung spielen Roulette mit dem Vermögen unbekannter Anleger, die ihr Geld scheinbar seriösen Institutionen anvertraut haben. Dies ist die Ursache, weshalb »sich der Markt nicht selbst regulieren« kann, warum die »unsichtbarer Hand« versagen muss. Für jede Investition / Spekulation braucht es die Haftung des Anlegers. Unabhängig davon, ob er persönlich spekuliert oder eine Institution beziehungsweise einen Trader mit der Durchführung beauftragt. Wenn der Besitzer des gehandelten Wertes das Risiko kennt und mit einem möglichen Totalverlust einverstanden ist, wird im schlimmsten Fall sein persönlicher Vermögensbesitz vernichtet, nicht aber die Anlage eines Unbeteiligten. Dies gilt auch dann, wenn eine Bank mit dem Eigenkapital spekuliert. Sofern die Besitzer / Aktionäre den möglichen Verlust im Voraus akzeptieren, braucht es keine Bankenrettung. Entscheidend ist, dass nur Beträge eingesetzt werden dürfen, über die eine klare Verfügungsgewalt besteht. Ein sauber getrenntes Kreditgeschäft kann dann auf andere Banken aufgeteilt werden.
Die Stärke des Artikels liegt darin, die ungeheure Dimension der Finanzderivate und der Devisengeschäfte anschaulich zu machen. Doch auch für Rohstoff- und Devisenspekulationen gilt, wer zockt kann auch verlieren. Auch hier gilt, je direkter die Verbindung zwischen Händler und Anleger und je klarer die Haftung für das Risiko, desto geringer die Risikobereitschaft.
All das setzt aber voraus, dass der Geldbesitzer überhaupt noch einen Bezug zu seinem Vermögen hat. Und hier nähern wir uns der Ursache dieser verrückten Entwicklung und gleichzeitig dem blinden Fleck des zitierten Beitrages. Geldvermögen, die sich als gewöhnliche Geldanlagen mit real 3-4 % Zinssatz quasi automatisch alle 20-25 Jahre verdoppeln, verlieren für ihren Besitzer jeden realen Wert. Vier Fünftel des jährlichen Geldvermögenszuwachses resultieren aus Zinsgutschriften. Für sie wurde kein Euro gespart, noch nicht einmal eine Pacht- oder Mieteinnahme oder ein Unternehmerlohn zur Seite gelegt. Mit solch leicht „verdientem“ Geld lässt sich leichter ein großes Risiko eingehen, als mit erspartem Arbeitseinkommen.
Doch auch dies ist noch nicht das entscheidende volkswirtschaftliche Problem. Es gibt genügend Liquidität, die selbst ein geringes Risiko scheut. Wenn sich diese Liquidität nicht mehr dem Markt entziehen kann und der Kreditmarkt sowie auch der Interbankenmarkt bei niedrigsten Zinssätzen ausreichend mit Liquidität versorgt bleiben, geht das gesellschaftliche Risiko gegen null. Für die Gesellschaft sind die Sicherung von Preisstabilität und Kreditversorge elementar. Wenn beides gesichert ist, bleiben die Kosten der Spekulation maßgeblich bei Spekulanten hängen. Dann braucht es keine staatlichen Rettungsschirme. Dies ist keine Frage des Vertrauens, sondern eine Frage der Kosten für Liquidität.
Klaus Willemsen, 11.09.2011
Der Beitrag „Das große Bankenbeben - Eine Frage des Vertrauens“ erschien im Handelsblatt, Ausgabe 09./10. September 2011. Er ist derzeit nicht kostenfrei online lesbar.
