Sehr geehrter Herr Gabor Steingart, (II)

das von Ihnen gezeichnete Handelsblatt Morningbriefing vom 10.2. enthält erneut schwerwiegende Denkfehler. Sie ignorieren die Bedeutung von Angebot und Nachfrage bei der Preisbildung für Geld und Sie unterstellen, dass der Anspruch auf ein leistungsloses Kapitaleinkommen relevant für die Stabilität der Märkte sei. Mit diesen unsinnigen Grundannahmen verliert die Berichterstattung der von Ihnen verantworteten Zeitung von vornherein die notwendige Objektivität.

Sie schreiben Ihren Lesern wörtlich: »Die Logik des Finanzmarkts basierte einst darauf, dass Sparer einen Lohn erhalten und Schuldner eine Strafgebühr zahlen. Diese Logik gilt nicht mehr. Ein Drittel aller ausstehenden Staatsanleihen ist am Markt nur noch für negative Renditen zu bekommen. Selbst der Kurs einer kurzlaufenden Nestlé-Anleihe ist so stark gestiegen, dass jeder, der jetzt kauft, einen Verlust erzielt.« Die von Ihnen unterstellte Logik basierte jahrzehntelang auf der (tatsächlichen oder durch Hortung verursachten) Knappheit an Kapital. Ein grandioses Überangebot an Geldkapital drückt derzeit die zu erzielende Rendite in einigen Bereichen auf null oder knapp darunter. Für alle (monopolfreien) Waren ist dies ein vollkommen natürlicher Prozess.

Die Logik des Finanzmarktes basiert allenfalls darauf, dass Geld bei zu geringen Renditen dem Markt, ohne nennenswerte Verluste, durch Hortung entzogen wird. Es gibt keinen moralischen oder ökonomischen Anspruch darauf, dass Schuldner mehr als die ursprüngliche Schuld zurückzuzahlen hätten. Es gibt bisher jedoch für die Geldhalter die Möglichkeit, dieses Mehr in Form von Zinsen zu erzwingen.

Sie schreiben weiter: »Man ahnt schon, dass der Preis für die heutige Stabilität der Finanzmärkte die Instabilität von morgen ist. Lenin hat uns gewarnt: "Um die bürgerliche Gesellschaft zu zerstören", sagte er einst, "muss man nur ihr Geldwesen verwüsten."« Die Instabilität entsteht zum einen durch die gewaltig zunehmende Hortung (4,7 Billionen € täglich fällige Einlagen) und den verzweifelten (und weitgehend wirkungslosen) Versuch der Notenbank, den damit verbundenen Rückgang an Konsum, Investitionen und langfristigen Ausleihungen durch immer neues Geld zu kompensieren. Eine <link http: www.inwo.de ziele stabile-waehrung-dank-durchhaltekosten>Geldgebühr würde die Hortung auf elegantere Weise aufheben und gleichzeitig für die ausreichende Spreizung zwischen Geldmarkt und Kapitalmarkt sorgen.

John Maynard Keynes, Irving Fisher, Silvio Gesell und, aktueller, <link http: www.bis.org review r140911a.htm>Benoît Cœuré bieten eine hervorragende Ergänzung Ihrer Lenin-Lektüre.

Klaus Willemsen, 11.02.2015

Verwendete Quelle:
www.bis.org/review/r140911a.htm
www.inwo.de/ziele/stabile-waehrung-dank-durchhaltekosten/