Sehr geehrter Herr Joffe,

mit »Problemfall Deutschland« betiteln Sie Ihre Behauptung, die Große Koalition ignoriere die ökonomischen Krisensignale. Als Beleg dafür zählen sie volkswirtschaftliche Größen auf, die heute weniger schnell wachsen als noch 1970 oder 1980. Viele Ökonomen tun sich damit schwer, die exponentielle Wachstumsdynamik infrage zu stellen. Der Herausgeber einer so bedeutenden Zeitung wie DIE ZEIT sollte größere Zusammenhänge erfassen.

Seit beinahe 70 Jahren wächst die deutsche Wirtschaft unaufhaltsam. Die Produktivität steigt und die Investitionsrate ist stabil im zweistelligen Bereich. Wenn man die Ignoranz der Verantwortlichen thematisieren will, muss man die richtigen Zusammenhänge herstellen und die notwendigen Fragen stellen.

Was bedeutet es für unser Sozialprodukt, wenn es weitere 70 Jahre exponentiell wachsen soll? Warum fehlt es Menschen am Nötigsten, während Wohlstand im Überfluss produziert wird? Kann man die Verteilungsprobleme unserer Gesellschaft nur durch Steuererhöhungen und Wirtschaftswachstum in den Griff bekommen, oder ist es sinnvoll und notwendig die Ursachen der Einkommensungleichheiten zu thematisieren? Was wäre die Konsequenz einer Produktivitätssteigerung wie in den siebziger Jahren? Warum ist die Arbeitszeitverkürzung von der Produktivitätsentwicklung weitgehend abgekoppelt? Warum steigen die Bodenpreise und Mieten, und wohin fließt dieses Geld?

So zu tun, als könne man mit 3 % Wirtschaftswachstum, 3 % Inflation und 6 % Kapitalmarktzinsen die ökonomischen Rahmenbedingungen der Siebzigerjahre nachbauen, ist menschlich, ökonomisch und vor allem ökologisch irrwitzig. Vielleicht lassen Sie sich von den Ideen einer nachhaltigen Geldpolitik und einer funktionierenden Bodenordnung inspirieren. Ein Geldsystem, das eine wachstums- und verteilungsneutrale Wirtschaft ermöglicht, eröffnet auch Ihnen neue Spielräume für zukunftsweisende Fantasien.

Klaus Willemsen, 16.12.2014

Verwendete Quelle:
DIE ZEIT, Nr.48, 20.11.2014