Bei der Kritik des Kapitalismus sei "der Zins ein falsches Thema", lautet eine ihrer Thesen im <link http: gffstream-7.vo.llnwd.net c1 m radio redezeit wdr5_redezeit_20130925.mp3 external-link-new-window external link in new>WDR5 Interview. Bewegungen wie Occupy befänden sich durch die Kritik am Zins auf einer „falschen theoretischen Basis“, behauptet Frau Herrmann. Ihre Rechtfertigung der Zinslasten fällt dabei so peinlich aus, dass nicht nachvollziehbar ist, wieso sich eine intelligente Frau zu einer so plumpen Vernebelung der Fakten hinreißen lässt.
Früher, vor der Industrialisierung, so argumentiert sie, basierten Gesellschaften auf einer stagnierenden Ökonomie. Der Zins sei daher aus dem Bestand genommen, was zu einer offensichtlichen Umverteilung von den Arbeiten zu den Besitzenden führte. In der modernen Gesellschaft sei dies ganz anders. Der Zins ermögliche heute Wachstum und dadurch werden alle reicher. „Daher ist der Zins an sich kein Problem mehr", lautet ihr Urteil.
Kein Wort davon, dass hoch verschuldete Staaten, Firmen und Privatleute durch die Last hoher Zinsen in den Ruin, beziehungsweise die Insolvenz, getrieben werden. Kein Wort verliert Frau Herrmann über die ungleichen Voraussetzungen zwischen jenen, die Fremdkapital bedienen müssen und jenen, die durch Ertrag bringendes Eigenkapital unterstützt werden. Existieren die zig-Milliarden an Zinstransfers, an denen weltweit Staaten ausbluten, in ihrem Weltbild nicht? Sind die hunderte-Milliarden Euro und Dollar leistungsloser Einkommen aus Zins, Dividende und Bodenrente für sie keine relevanten Faktoren? Und für wen genau glaubt Frau Herrmann, dass „der Zins an sich kein Problem mehr“ darstellt: für die Staaten, die zur Begleichung der Zinsforderungen Lehrer und Ärzte entlassen, für Unternehmer, die Mitarbeiter entlassen müssen, um die Kreditzinsen bezahlen zu können, oder für die Familie in Hamburg, die 1700 € monatlich an Zinsen aufbringen muss, um ihr Haus nicht an die Bank zu verlieren?
Die unbegreifliche Behauptung, „der Zinsen sei kein Problem mehr", ist sowohl ökonomisch als auch moralisch eine Frechheit. Dergleichen aus dem Mund einer "linken" taz-Journalistin zu hören, empfinde ich als Ohrfeige für alle Menschen, die nicht von ihren Kapitalerträgen leben können. Die Äußerungen von Ulrike Herrmann sind aber auch hilfreich, denn sie erklären viele wirre Positionen linker Protagonist. Linke Politiker neigen beispielsweise dazu, Vermögen höher besteuern zu wollen. Die Ursache der Vermögenszunahme wird dabei jedoch nicht thematisiert. Auf diesem Hintergrund versteht man Äußerungen wie die von Jürgen Trittin im Spiegel-Interview: „Staatverschuldung bedeutet, dass man denjenigen Leuten Zinsen zahlt, die man sich nicht getraut hat, ordentlich zu besteuern.“ (DER SPIEGEL 35/2011) Mit dem Weltbild von Frau Herrmann ist kapitalistische Umverteilung nicht fassbar und schon gar nicht veränderbar. Das gilt gleichermaßen für den Faktor Geld wie für den Produktionsfaktor Boden. Beliebt sind daher Diskussionen über Mieterhöhungen, die gesetzlich geregelt werden sollten, während die Ursachen steigender Miet- und Pachtbelastungen tabu bleiben.
Der Transfer von Reichtum ist nicht zu verstehen, wenn man die Bodenrente, den Zins und die davon abgeleitete Dividenden negiert. Linke Ökonomen springen immer förmlich aus dem Höschen, wenn die Diskussion auf den Zins und seine Funktion kommt. Dabei haben nicht wenige von ihnen die Dimension der weltweiten Zinszahlungen als gefährlichen Faktor längst anerkannt. Es ist zu hoffen, dass die Erörterung diesbezüglicher Fragen zwischen den Geldkritikern und den verdeckten, wie auch den bekennenden Marxisten, Klärung bringt. Das Interview mit Frau Herrmann in der WDR5 Redezeit bietet vielfältige Anknüpfungspunkte.
Klaus Willemsen, 11.10.2013
Verwendete Quelle:
<link http: gffstream-7.vo.llnwd.net c1 m radio redezeit wdr5_redezeit_20130925.mp3>gffstream-7.vo.llnwd.net/c1/m/1380102185/radio/redezeit/wdr5_redezeit_20130925.mp3
<link http: www.wdr5.de sendungen neugier-genuegt s d b redezeit-den-kapitalismus-steuern.html>www.wdr5.de/sendungen/neugier-genuegt/s/d/25.09.2013-10.05/b/redezeit-den-kapitalismus-steuern.html
