Wenn noch jemand einen Beweis brauchte, dass wirtschaftlich unabhängige, öffentlich-rechtliche Medien unverzichtbar sind, dann hat er ihn mit "Generation Porno - Was unsere Kinder online sehen" erhalten. Die ZDF-Dokumentation wirft eine Frage auf, die weit über Medienpädagogik und Jugendschutz hinausgeht. Sie zwingt uns, über die Prioritäten unserer Gesellschaft nachzudenken.
Dabei ist der Widerspruch offensichtlich. In kaum einem anderen Bereich akzeptieren wir derartige Risiken für Kinder und Jugendliche. Altersgrenzen werden kontrolliert, Jugendschutz wird beschworen, Prävention wird gefordert. Doch ausgerechnet dort, wo die psychische und sexuelle Entwicklung von Millionen Heranwachsenden täglich beeinflusst wird, herrscht eine bemerkenswerte politische Nachsicht.
Die Dokumentation zeigt eindrücklich, dass es längst nicht mehr um einzelne Ausrutscher geht. Pornografische Inhalte, sexuelle Belästigung, Cyber-Grooming und algorithmisch verstärkte Grenzüberschreitungen sind für viele junge Menschen Teil ihrer digitalen Normalität geworden. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht mehr, ob das ein Problem ist. Die eigentliche Frage lautet: Warum lassen wir das zu?
Die offizielle Antwort lautet meist: Das Internet sei global, Regulierung schwierig, technische Lösungen kompliziert. Doch diese Erklärung wirkt zunehmend wie eine Ausrede. Denn dieselben Staaten, die angeblich machtlos gegenüber Plattformen sind, regulieren Banken, Chemiekonzerne und ganze Märkte bis ins Detail. Wo politischer Wille vorhanden ist, entstehen erstaunlich schnell wirksame Regeln.
Vielleicht müssen wir deshalb über etwas sprechen, das selten ausgesprochen wird: über Macht, Profitinteressen und wirtschaftliche Abhängigkeiten.
Die Plattformen, die von Aufmerksamkeit, Datensammlung und maximaler Nutzungsdauer profitieren, gehören zu den mächtigsten Konzernen der Welt. Ihre wirtschaftliche Bedeutung reicht weit über den Medienbereich hinaus. Sie sind Teil eines transatlantischen Wirtschaftsgefüges, das von Politik und Industrie gleichermaßen als strategisch betrachtet wird. Sie erzielen Profite, die ansonsten nur mit Bodenschätzen und Rüstungsgütern möglich werden.
Deutschland wiederum ist wie kaum ein anderes Land von seinem Exportmodell abhängig. Wirtschaftswachstum gilt als oberstes politisches Ziel. Exportüberschüsse gelten als Erfolg. Internationale Absatzmärkte gelten als schützenswert. Diese Logik prägt politische Entscheidungen und bestimmt die Ziele mächtiger Lobbygruppen. Um US-Sanktionen zu vermeiden knickt die EU-Kommission immer wieder vor den Tech-Giganten ein.
Die Wachstumslogik fordert ihren Preis
Wer Wirtschaftswachstum über alles setzt, opfert nicht nur unser Umwelt, sondern auch die Seelen unserer Kinder: Der Schutz von Kindern und Jugendlichen versagt nicht deshalb, weil wir die Gefahren unterschätzen, sondern weil wir die wirtschaftlichen Kosten einer konsequenten Regulierung scheuen.
Das ist die eigentliche Botschaft hinter der Dokumentation. Nicht Pornografie ist der Skandal. Nicht einmal die Untätigkeit der Plattformen. Der eigentliche Skandal ist die politische Prioritätensetzung.
Wir leben in einer Gesellschaft, deren ökonomisches Glaubensbekenntnis seit Jahrzehnten lautet: Wachstum, Wachstum über alles. Mehr Export. Mehr Konsum. Mehr Mobilität. Mehr Profit. Und wenn die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen dabei unter die Räder kommt, dann wird das als bedauerlicher Nebeneffekt, als Kollateralschaden behandelt, nicht als Notfall.
Natürlich wird niemand offen sagen, dass ein zusätzlicher Exportauftrag wichtiger sei als der Schutz von Kindern. So funktioniert politische Macht nicht. Sie funktioniert subtiler. Risiken werden relativiert. Zuständigkeiten verschoben. Probleme vertagt. Studien abgewartet. Währenddessen wachsen Millionen Kinder in digitalen Räumen auf, die wir als reale Orte niemals dulden würden.
Man stelle sich einen öffentlichen Platz vor, auf dem Erwachsene Minderjährige massenhaft sexuell ansprechen, auf dem gewaltverherrlichende Inhalte frei verteilt werden und auf dem Kinder jederzeit mit expliziter Pornografie konfrontiert werden können. Ein solcher Ort würde binnen Stunden geschlossen. Im Internet dagegen gilt derselbe Zustand seit Jahren als hinnehmbar.
Die Dokumentation zeigt deshalb mehr als die Übersexualisierung einer Generation. Sie zeigt die moralische Schieflage einer Gesellschaft, die beim Schutz ihrer Kinder plötzlich erstaunlich viele Gründe findet, warum entschiedenes Handeln leider gerade nicht möglich ist.
Vielleicht ist es Zeit, die Frage umzudrehen: Nicht, ob wir uns eine konsequente Regulierung leisten können. Sondern ob wir es uns leisten können, weiterhin darauf zu verzichten.
Klaus Willemsen, 03.06.2026
Verwendete Quelle:
https://www.zdf.de/dokus/was-unsere-kinder-online-sehen-102
