Wer ist Schuld?

„Haben Banker die Euro-Krise verschuldet? Waren es südeuropäische Politiker? Oder gar die Deutschen? fragt „Die Zeit“ im Heft 40 und verspricht eine „Spurensicherung quer durch Europa“. Herausgekommen ist dabei eine scheinbar neue Erkenntnis, die die INWO sei 20 Jahren propagiert: Die Schulden der einen sind immer die Geldvermögen anderer.

Um zu verstehen welcher der vielen Rettungs-Vorschläge „sinnvoll ist und welcher nutzlos, muss man mit einer Frage beginnen. Wer ist schuld an der Euro-Krise?“ So formulieren die Autoren des <link http: www.zeit.de europa-eurokrise external-link-new-window externen link in neuem>gleichnamigen Artikels ihr Bestreben und tragen einige Fakten zusammen: „In den vergangenen Jahren strömte so viel privater Reichtum um die Welt wie nie zuvor. Das Vermögen der einen wurde zu den Schulden der anderen. Irgendwo musste das Geld ja hin.“ Im Herbst 2009, nach einer Rede des Ministerpräsident Giorgos Papandreou packte die Anleger die Angst. „Sie zogen ihr Geld ab, kauften keine Staatsanleihen mehr. Der Goldregen war vorbei, die Krise begann.“

Leider haben die Autoren die falsche Frage gestellt. Der Leser ist daher nach der Lektüre genauso schlau wie zuvor. Nicht wer, sondern was hat Schuld an dieser Entwicklung, ist die entscheidende Fragestellung. Die exponentielle Zunahme von Geldvermögen und Schulden führt zwingend zu einer desolaten Lage. Wenn Anleger und Vermögensverwalter aufhören, überschuldeten Staaten ihr Geld anzuvertrauen, ist dies nicht verwerflich, sondern vernünftig. Die Autoren schreiben zu recht: „Finanzmanager wie Stefan Hofrichter wollen nur eines wissen: Werden sie das Geld, das ihnen die griechische Regierung schuldet, zurückbekommen? Können sie es riskieren, griechische Staatsanleihen zu kaufen?“ Und die korrekte Antwort muss lauten, sie haben viel zu lange viel zu viel gekauft. Man kann den Investoren nicht vorwerfen, sie würden die Schuldner im Regen stehen lassen und gleichzeitig verlangen, dass sie verantwortungsbewusster mit den ihnen anvertrauten Geldanlagen umzugehen haben.

Deutlich wird dieser Zusammenhang in folgendem Satz: „Die Ersparnisse der einen sind die Schulden der anderen. Erklärt Griechenland den Bankrott, sind die Schulden weg. Und die Ersparnisse.“ Eigentlich eine banale Erkenntnis, die von Anhängern der Fairconomy seit Jahrzehnten gebetsmühlenartig wiederholt wird. Bei etablierten Ökonomen und in der Presse kommt dieser Gedanke erst ganz zaghaft an. Neben der taz formuliert auch Finanzfachmann Ulrich Ückerseifer im WDR5 Tagesgespräch heute: „Wenn die Schulden weniger werden sollen, müssen auch die Guthaben weniger werden“. Wenn man also von einem Schuldenschnitt macht, so die aktuelle Botschaft, muss man auch einen Vermögensschnitt durchführen. Wer Schulden erlässt, muss also auch Vermögen enteignen.

Doch diese plausibel klingende Forderung ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Es sind nicht die Schulden, die Staaten und Firmen in den Ruin treiben. Es sind die Zinslasten, die eine Sanierung in vielen Fällen unmöglich machen und die vor allem dafür verantwortlich sind, dass die Geldvermögen permanent anwachsen. Es muss daher darum gehen, das vagabundierende Finanzkapital in sichere und langfristige Anlagen zu zwingen, bis das Angebot den Knappheitspreis gegen null senkt. Dann können verlässliche Kreditnehmer mit Zinsen um 0 % kalkulieren. Geldvermögen und Schulden wachsen nicht mehr automatisch und das gesamte Finanzsystem wird auf eine nachhaltig solide Basis gestellt.

Klaus Willemsen, 26.10.2011

Quelle <link http: www.zeit.de index nr.>DIE ZEIT, 29.9.2011 Nr. 40