Wohlergehen ohne Wachstum

Der Wachstumskritiker Reiner Klingholz hält ein Finanz- und Kreditsystem, das ohne Wachstum klarkommt, für erforderlich. Nachhaltiges Wachstum sei eine Illusion und zum Umdenken braucht es Krisen und Katastrophen, lauten zwei seiner Thesen im GEO-Interview.

Reiner Klingholz war Wissenschaftsjournalist bei GEO und ist heute Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. In Büchern wie "Wahnsinn Wachstum" und "Sklaven des Wachstums" kritisiert er den Glauben an das endlose Wirtschaftswachstum. Mit der Formulierung „grünes Wachstum ist ein Widerspruch in sich“, provoziert er seine Interviewer Ines Possemeyer und Hanne Tügel. Diese vertreten den Standpunkt, dass Länder wie Deutschland Wachstum brauchen „um unser Sozial- und Finanzsystem aufrechtzuerhalten". Klingholz akzeptierte zwar, dass wir momentan noch „Sklaven des Wachstums" sind, doch im gleichen Atemzug fordert er Konzepte für ein „Wohlergehen ohne Wachstum".

Bemerkenswert an seinen Äußerungen ist der wiederholte Bezug zum Geld- beziehungsweise Finanzsystem. So zitiert er beispielsweise den Ökonomen Niko Paech mit den Worten: "Das Geld, das wir mit grünem Wachstum verdienen, müssen wir zu Gartenerde kompostieren, damit es kein neues Unheil anrichtet". Das Interview endet mit einem Appell für die Zeit "nach den Krisen". Zu den Dingen, die es vorzubereiten gilt, gehört für Klingholz ein „Finanz- und Kreditsystem, das ohne Wachstum klarkommt“.

Hierzu möchte ich mir zwei Anmerkungen erlauben:
Nicht das Geld an sich muss zur Gartenerde kompostiert werden. Es reicht aus, wenn die automatische Vermehrung der Geldvermögen durch den Zinsertrag beendet wird. Bei Nullwachstum werden der Staat und die Masse der Bürger nur dann immer ärmer, wenn Zinserträge und Bodenerträge ungebremst weiter wachsen. Es gilt zu gewährleisten, dass das Finanz- und Kreditsystem auch dann optimal funktioniert, wenn die Guthabenzinsen dauerhaft gegen null tendieren.

Mit den dafür notwendigen Reformen braucht und sollte man auf gar keinen Fall warten, bis eine weitere große Krise Millionen oder vielleicht Milliarden Menschen in Not und Elend gestürzt hat. Viele Wohlstandsbürger können es sich leisten, den nächsten großen Crash einigermaßen unbeschadet auszusitzen. Für die meisten Menschen und unser Ökosystem als Ganzes ist dies keine Perspektive. Auch die Demokratie an sich kann eine solche Entwicklung nicht unbeschadet überstehen. Kaum ein Mensch würde Politiker wählen, die den Zusammenbruch der Sozialsysteme hinnehmen würden um auf Wirtschaftswachstum zu verzichten.

Der Ausweg besteht in Reformen, die Wohlstand ohne Wachstum gewährleisten. Für die notwendigen Schritte braucht es noch viel Aufklärung. Es handelt sich dabei jedoch mitnichten um „etwas, das wir heute noch nicht kennen“, wie Reiner Klingholz vermutet. Schade, dass das Interview unter dem Titel „Warum wir Krisen brauchen“ geführt wurde. Viel spannender wäre die Fragestellung: „Wie wir Krisen verhindern können“.

Klaus Willemsen, 24.04.2014

Verwendete Quelle:
GEO / 01.03.2014 / WARUM WIR KRISEN BRAUCHEN
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