Das achte Weltwunder, der Zinseszinseffekt

Der Rentenexperte Bert Rürup sprach über die kapitalgedeckte Rente und offenbarte verblüffendes: Die mathematisch simple Entwicklung der Verzinsung bereits durch Zinsen entstandener Guthaben ist für ihn das achte Weltwunder. Das für den Staat, die Wirtschaft und die Verbraucher erfreulich niedrige Zinsniveau muss er als Belastung für sein Rentenmodell bewerten.

„Jeder Anbieter einer kapitalgedeckten Leibrente kann nur die Zinserträge weiter geben, die er mit den angelegten Mittel erwirtschaftet. Insofern schlägt natürlich die derzeitige Niedrigzinsphase auf die Rendite in allen kapitalgedeckten Systeme durch.“ Mit diesem Eingeständnis entlarvt Rürup im <link http: www.handelsblatt.com finanzen vorsorge-versicherung nachrichten bert-ruerup-im-interview-beweisen-sie-mir-dass-sie-kein-spion-sind external-link-new-window external link in new>Handelsblatt-Online-Interview den Charakter der kapitalgedeckten Rente. Der Umkehrschluss seiner Aussage ist: angemessen hohe Renten kann man nur durch hohe Zinsen und Dividenden erzielen. Zinssätze über dem Inflationsniveau sind aber für eine gesättigte Marktwirtschaft dauerhaft nicht tragbar. Alle Kreditnehmer, also die Firmen und Staaten, in die der Rentenanbieter investiert, sind darauf angewiesen, dass mit einem Rückgang des realen Wachstums auch die Kapitalbelastung sinkt. Andernfalls kommt es zum Konkurs.

Diesen Zusammenhang kann man nur durch das Eingehen hoher Risiken für einige Zeit verschieben. Die Folgen ignorierter bzw. in die Zukunft verschobener Risiken erleben die Gesellschaften immer wieder und zahlen dafür einen hohen Preis. Bei Rürup liest sich dies recht harmlos: „Es steht aber jedem Sparer frei, um den Preis einer höheren Volatilität Sicherheit gegen Renditechancen zu tauschen. Hohe Renditen und Sicherheit, beides gleichzeitig kann man nicht haben.“ Faktisch gehen Rentenfonds mit Bilanzsummen von mehreren 100 Milliarden $ diese Risiken ein. Bis zu dem Punkt, dass sie kollabieren, und Millionen Rentner um ihre Altersbezüge bringen. Ein solches Modell kann wohl nur jemand sorglos empfehlen, der durch Immobilien und andere Vermögenswerte nicht auf eine kapitalgedeckte Altersrente angewiesen ist. Bert Rürup ist dies offenbar bewusst, spricht er sich im Interview letztlich doch für eine umlagenfinanzierte Rente als sichere Basis für alle Menschen aus. „Unterstellt, wir wären in so einer sozialpolitischen terra nova, dann würde ich dort sicher kein bedingungsloses Grundeinkommen oder eine Grundrente für jeden einführen, wohl aber eine universalistische umlagefinanzierte Rentenversicherung, bei der jeder Bürger unabhängig von der Art seiner Erwerbstätigkeit oder seiner Einkünfte obligatorisch versichert wäre.“

Die Beurteilung des derzeitigen allgemeinen Zinsniveaus durch den Rentenexperten ist dagegen geradezu peinlich. Auf die Frage:„Muss es angesichts des historischen Zinstiefs, das noch Jahre andauern könnte, Änderungen der gesetzlichen Vorgaben geben?“ antwortet Rürup:Nein, durch diese Phase müssen Sparer und Produktanbieter durch.“

Auf der Grundlage eines hohen Zinsniveaus kann man „das achte Weltwunder, den Zinseszinseffekt, für sich arbeiten lassen“, behauptet der mathematisch versierte Regierungsberater. Als könne man den zwangsläufigen Zusammenbruch am Ende einer Exponentialfunktion durch ein "Wunder" einfach wegzaubern.

Klaus Willemsen, 16.08.2012
Der Autor ist freier Referent der <link http: www.inwo.de>Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung e.V.

Verwendete Quelle:
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