Der amerikanische Albtraum

„In zwei Generationen hat die Macht der Geldverwalter so überhand genommen, dass sich das Wertesystem des ganzen Landes immer weiter verschoben hat“, stellt GEO in einem Beitrag über die USA heraus. Während für Wenige die „Geld-Ernte“ unvorstellbar hoch ausfällt, ist nach der Arbeiterklasse auch ein großer Teil des Mittelstands verarmt. „Die Kosten für Bildung und Wohnen steigen seit der Nachkriegszeit viel schneller als die Einkommen. Die Deckungslücke haben viele Familien mit immer neuen Krediten auf ihre Häuser ausgeglichen.“ Steigende Zinsen und Massenentlassungen hatten unzählige Enteignungen zur Folge.

Wie schon der Stern und andere Magazine, stellt auch GEO den Ruin von Millionen gutsituierten Familien in den USA als das Ende des amerikanischen Traums dar. Lesenswert und faktenreich beschreibt Jürgen Schaefer den Absturz von einem 90.000 $ Job in die Armut. „Ich habe den amerikanischen Traum gelebt“, wird eine Betroffene zitiert, „jetzt weiß ich nicht, ob wir in drei Wochen noch in unserem Haus leben werden“. In einem Land, in dem jeden Monat 400.000 Menschen ihren Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung verlieren, die Krankenkasse unerschwinglich teuer wird und die Raten für den Hauskredit nicht mehr bezahlt werden können, ist der Traum für diese Menschen längst zum Albtraum geworden.

Der Artikel benennt Ursachen: Grundstückspreise, die sich in wenigen Jahren versechsfachen, die Abhängigkeiten von Krediten und Löhne, die so niedrig sind, dass Betriebe mit China und Mexiko konkurrieren können: „Eigentum ist in den USA heute fast so ungerecht verteilt wie in Brasilien“. Die 400 reichsten Amerikaner besitzen „ebenso viel wie die unteren 150 Millionen zusammen; das oberste Prozent so viel wie die unteren 95 Prozent“. Mit der Aufzählung der Fakten endet jedoch die Klarheit. Bei der Ursachenanalyse bleibt der Autor bei altlinken Dogmen hängen. Am Beispiel einer Fabrik, die von einem Chinesen gekauft und zum Erfolg geführt wurde, wird die Trägheit amerikanischer Manager beklagt und die Gefahr durch chinesische Übernahmen suggeriert. Letztlich bleibt aber der Eindruck hängen, die Steuergeschenke an die Oberschicht seinen Ausschlaggebend für die Misere.

Kein Wort wird über ein unsinniges Bodenrecht verloren, das Bodennutzer weltweit so lange ausbeutet, bis sie unter der Last ihrer Hypotheken einknicken und enteignet werden. Mit dem Focus auf die zu geringe Besteuerung der Kapitaleinkommen lenkt der Artikel davon ab danach zu fragen, wie diese riesigen Vermögen entstehen. Die Alimentation des Finanzkapitals durch staatliche und private Zinstransfers taucht gar nicht auf. Große Hoffnung legt der Autor in die „Occupy Wall Street“ Bewegung und schreibt gegen die „Herrschaft des Geldadels“. Doch der Zusammenhang zwischen steigenden Kapitalkosten und sinkenden Lohnkosten kann vom Leser nur erahnt werden. Der Autor scheint in einer überholten Kapitalismuskritik verfangen zu sein und man spürt seine eigene Verzagtheit, wenn er einen Protagonisten mit den Worten zitiert: „Sich gegen die Logik des Geldes aufzulehnen sei, als wolle man sich vor einem herannahenden Zug auf die Gleise stellen“. Eine sachliche Analyse der Macht des Geldes wäre hilfreich.

 

Klaus Willemsen, 05.04.2012

 Verwendete Quelle: GEO 03/2012, S.50ff, Aus der Traum?