An der Grenze zwischen ungenau und falsch: "Früher arbeitete der Zinseszins für die Anleger, heute wendet er sich gegen sie", schreibt Daniel Eckert. Richtig ist, dass Anleger über Jahrzehnte hinweg Zinsen eingenommen haben, in einer Größenordnung die nur mit der des Bundeshaushaltes vergleichbar ist.
Vom Zinseszins profitierten jedoch nur Menschen, deren Einkommen so hoch war, dass sie es sich leisten konnten, die Zinseinnahmen unangetastet auf den Konten zu belassen. Sparer, deren Zinserträge niedriger oder nur unwesentlich höher als ihr Arbeitseinkommen liegen, neigen dazu, ihre Zinserträge für den Lebensunterhalt einzuplanen. Der Zinseszinseffekt entfällt dann. Ob der Zinseszins einen wohlhabender macht, hängt von der Einkommenssituation ab. Gegen einen richtet er sich nur, wenn man ihn erarbeiten muss.
Ein beliebtes Ökonomen-Mantra: "Früher arbeitete der Zinseszins…" Dieser Satz ist so blödsinnig wie er beliebt ist unter Ökonomen. Die Arbeit leisten ausschließlich Menschen und im erweiterten Sinn Maschinen, die von Menschen erbaut und bedient werden. Zins und Zinseszins ermöglichen die Umschichtung von Arbeitserträgen auf die Konten jener, die das Kapital zur Verfügung stellen.
Ein anderes beliebtes Missverständnis: <link http: www.welt.de print die_welt finanzen article122491981 der-unsichtbare-feind-der-sparer.html external-link-new-window external link in new>"Derlei fantastische Renditen(…). Langfristig acht Prozent im Jahr konnten immerhin deutsche Aktien erzielen."
Gerne wird über die Renditen von Aktien berichtet. Dabei sind in der Regel Entwicklungen gemeint, über die man nur im nachhinein verlässlich berichten kann. Ein Kursgewinn von acht Prozent, selbst wenn dieser drei Jahre in Folge erzielt wird, ist für einen Anleger jedoch wenig tröstlich, wenn er nach Kauf seiner Aktien zunächst einen Kurssturz von 50 Prozent erlitten hat. Der Vergleich von garantierten Zinsen mit spekulativen Kursen bedarf einer sehr genauen Betrachtung. Selbst das Heranziehen der vergleichsweise kontinuierlichen Dividenden ist fraglich. Dividendenausschüttungen von drei und mehr Prozent relativieren sich sehr schnell, wenn man auch Firmen im Depot hat, die über Jahre die Dividendenzahlung einstellen.
Um sein Geld zu vermehren, ohne dafür zu arbeiten, braucht es verschiedene Rahmenbedingungen. Je höher das Risiko ist, das man bereit ist einzugehen, desto höher können die Gewinne ausfallen - allerdings auch die Verluste. Für Gewinne mit hohem Risiko braucht es vor allem Glück oder kriminelle Energie. Angenehmer ist es, wenn man mit seinem Kapital einen Knappheitspreis erzielen kann. Nach 60 Jahren Vermögenswachstum kann es dafür aber keine Garantie geben.
Ein weiteres Ökonomen-Mantra: "Die Notenbank ist schuld an den niedrigen Zinssätzen"
<link http: www.zeit.de geldanlage-sparen-altersvorsorge-zinsen external-link-new-window auf zeit>"Geld mit Geld verdienen – das war gestern. Heute scheinen die Guthaben geradewegs dahinzuschmelzen. Vergangene Woche hat die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins noch einmal gesenkt", schreiben <link http: community.zeit.de user von>Jungbluth und<link http: community.zeit.de user mark-schieritz von> Schieritz. Deutsche Staatsanleihen bringen aktuell eine sehr geringe Rendite, weil das Sparvolumen deutlich höher ist als der Bedarf an neuen Krediten. Der Preis für die langfristigen Ausleihungen bildet sich am Markt. Und wenn das Sparvolumen den Bedarf an neuen Krediten deutlich übersteigt, muss dieser Preis sinken. Problematisch ist diese Tendenz lediglich, weil immer mehr langfristige Anlagen in kurzfristige Liquidität umgeschichtet werden. Problematisch ist nicht der niedrige Zinsertrag, sondern die geringe Spanne zwischen kurz- und langfristigen Einlagen.
Und noch ein Ökonomen-Mantra: "Den Deutschen sind Milliarden Euro Zinseinnahmen entgangen"
<link http: www.welt.de print die_welt finanzen article122491981 der-unsichtbare-feind-der-sparer.html external-link-new-window auf zeit>"Nach Berechnungen der Allianz sind den Deutschen im Jahr 2012 Zinseinnahmen in der Größenordnung von 5,8 Milliarden Euro entgangen – so viel mehr an Zahlungen hätten sie erhalten, wenn die Zinsen auf dem Vorkrisenniveau gelegen hätten."
Noch einmal: Es gibt kein Recht auf leistungslose Einkommen. Die niedrigeren Zinsen kamen den Deutschen in Form von steigenden Löhnen und niedrigeren Preisen zugute. Niedrige Zinsen verringern auch die Steuerlast der verschuldeten Haushalte.
Die ZEIT-Autoren <link http: community.zeit.de user von>Rüdiger Jungbluth und <link http: community.zeit.de user mark-schieritz von>Mark Schieritz stellen dagegen die Tatsachen vom Kopf auf die Füße und werden so dem Ruf der ZEIT als ausgewogenes Meinungsmagazin gerecht. <link http: www.zeit.de geldanlage-sparen-altersvorsorge-zinsen external-link-new-window external link in new>"Wenn also heute von einer 'kalten Enteignung' der Sparer die Rede ist, dann gab es früher eine 'kalte Bereicherung': Die Sparer bekamen real mehr, als sie erwartet hatten. Ohnehin ist schwer zu begründen, warum Geld, das ohne größeres Verlustrisiko angelegt ist, mehr abwerfen sollte als nötig ist zum Ausgleich der Kaufkraftverluste. Und wer bereit ist, ins Risiko zu gehen, der wird auch mit ansehnlichen Renditen belohnt."
Klaus Willemsen, 17.12.2013
Verwendete Quellen:
<link http: www.welt.de print die_welt finanzen article122491981 der-unsichtbare-feind-der-sparer.html>www.welt.de/print/die_welt/finanzen/article122491981/Der-unsichtbare-Feind-der-Sparer.html<link http: www.zeit.de geldanlage-sparen-altersvorsorge-zinsen>
www.zeit.de/2013/47/geldanlage-sparen-altersvorsorge-zinsen
