„Die Banken schaffen das Geld aus dem Nichts" lautet eine aktuell beliebte Kritik an unserem Geldsystem. Dabei würden sie sich unangemessen bereichern und in Kauf nehmen, die Währung damit nachhaltig zu destabilisieren. Um dies zu verhindern müsse man "das Geld verstaatlichen", wird der Geldkritiker Klaus Karwat zitiert. <link https: magazin.spiegel.de digital>„In der Eurozone sind viele Banken seit der Finanzkrise derart angeschlagen, dass sie die Konjunkturentwicklung eher behindern als befördern", schreibt der Autor Michael Sauga. Daher ist es für ihn nicht verwunderlich, dass immer mehr „Fachleute nach radikalen Alternativen“ suchen. Das in diesem Zusammenhang immer wieder benutzte Bild von den wild Geld schöpfenden Geschäftsbanken bedient das Bedürfnis nach einem Feindbild. Doch es ist irreführend und verstellt den Blick auf eine nachhaltige Problemlösung.
Unstrittig ist, dass unser Finanzsystem zunehmend instabil wird. Die Grafik zum Artikel macht das Problem augenscheinlich: die <link https: magazin.spiegel.de digital>Sichteinlagen bei den Geschäftsbanken sind auf 4.700.000.000.000 € angewachsen. Die Banken sitzen damit auf fast 5 Billionen Euro täglich fälliger Einlagen. Dieses Geld können sie nicht guten Gewissens langfristig ausleihen, da es jederzeit von den Einlegern abgerufen werden kann. Lassen sie es jedoch ungenutzt liegen, verknappt sich ihr Kreditangebot und damit schrumpft ein Geschäftsbereich, von dem eine solide Bank traditionell lebt.
Es sei eine Erkenntnis der Geldreformer Bernd Senf und Klaus Karwat, „dass die Banken einen Extragewinn einstreichen, weil sie das Geld zu höheren Zinsen verleihen, als sie für das Guthaben zahlen müssen“. In dieser Formulierung liegt die Unschärfe der vorliegenden Geldpolitik. Solange Banken langfristige Einlagen langfristig weiterleiten und die Gewinnmarge zur Absicherung des Kreditausfall-Risikos, für ihre Vermittlungskosten und als Geschäftsgewinn verwenden, entsteht kein Systemrisiko. Wenn jedoch die Sichteinlagen aufgrund fehlender Durchhaltekosten (sinnvoller Weise eine Gebühr auf die geparkten Bestände) und der nicht mehr ausreichenden Differenz zwischen langfristigen und kurzfristigen Einlagen ins Grenzenlose anwachsen, und damit immer mehr kurzfristige Einlagen langfristig verliehen werden, steigt für die Banken zwar der Gewinn aus der Zinsdifferenz, gleichzeitig nimmt aber ihr Existenzrisiko extrem zu. Das ursächliche Problem sind nicht die Banken, die aus billiger Liquidität langfristige Kredite formen. Das Grundproblem entsteht dadurch, dass es sich für die Geldhalter derzeit nicht mehr lohnt, ihr Geld langfristig anzulegen.
Der linke Senf und der grüne Karwat analysieren mit ideologischen Schablonen. Sie suchen die Ursache in der Motivation des bösen Bankers. Damit verstellen sie sich den Blick auf die Motivationskette. Aufgrund niedriger Inflationsraten und der flachen Zinsstrukturkurve lohnt es sich für die Geldanleger nicht, ihr Geld in gewohntem Maße langfristig auszuleihen. Die Banken kompensieren entstehende Defizite durch Ausnutzung der Fristentransformation. Die Notenbank unterstützt die Kreditvergabe durch die Möglichkeit einer extrem billigen Refinanzierung mit Zentralbankgeld.
Die Geldpolitik muss dahingehend geändert werden, dass die Liquidität Kosten verursacht. Mit dem negativen Einlagenzins hat die Notenbank die Richtung vorgegeben und die Geschäftsbanken beginnen damit, diese „Kosten“ an die Geschäftskunden weiterzugeben. Doch erst wenn der negative Einlagenzins auf alle Sichtguthaben berechnet wird und ausreichend hoch ist, kann er seine Wirkung entfalten. Die Kosten für die Liquidität müssen für die Geldhalter so hoch sein, dass sie ihre überschüssige Liquidität wieder in langfristige Ausleihungen umwandeln. Damit minimiert sich das Konkursrisiko für die Geschäftsbanken, das Krisenszenario für den gesamten Finanzmarkt und das Inflations- bzw. Deflationsrisiko für die Eurozone. Voraussetzung für solchermaßen ausreichend negative Einlagenzinsen, (genauer wäre es, von Durchhaltekosten auf Liquidität zu sprechen) ist jedoch die Einführung einer Gebühr auf die Bargeldbestände. Zu dieser, schon von Silvio Gesell geforderten Maßnahme, finden links- und konservativorientierte Kritiker derzeit noch keinen Zugang. Es bleibt zu hoffen, dass die normative Kraft des Faktischen dazu führt, alten Denkblockaden zu beseitigen und neue Chancen zu erkennen.
Klaus Willemsen, 14.10.2014
Verwendete Quelle:
Atomfrage der Ökonomie, Der Spiegel 42/2014
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