Die Quasi-Enteignung

In ihrem ZEIT-Beitrag "Die Leiden der Sparer" hängen die Autoren Rüdiger Jungbluth und Mark Schieritz einige populäre Ökonomen-Mantras aneinander. Damit werden sie dem gewöhnlich hohen Niveau dieser Zeitung nicht gerecht. Die zu flapsige, nicht korrekte Analyse ist gefährlich. Sie verführt die Leser zu falschen Schlussfolgerungen.

Die Auswirkungen solcher Verwirrungen erlebt man landauf landab in Diskussionsrunden, Gremien und Gesprächen in allen Parteien, Instituten oder Interessenverbänden. Gerade in ökonomischen Fragen, wo viel auf Glaubenssätzen und nur wenig auf Logik und Fakten basiert, braucht es eine präzise Berichterstattung.

Das erste Ökonomen-Mantra:<link http: www.zeit.de geldanlage-sparen-altersvorsorge-zinsen external-link-new-window external link in new>Wegen der Minizinsen schmelzen die Guthaben...
Die Guthaben schmelzen nicht wegen der niedrigen Zinsen. Die Kaufkraft der Guthaben nimmt ab, weil es der Notenbank nicht gelingt, Preisstabilität zu gewährleisten.

Das zweite Ökonomen-Mantra: … <link http: www.zeit.de geldanlage-sparen-altersvorsorge-zinsen external-link-new-window external link in new>und die Altersvorsorge wird schwieriger.
Die Altersversorgung wird unsicherer, weil selbst eine geringe Inflation eine Entwertung der Rücklagen bedeutet. Dennoch, die Sicherung der Altersrücklagen ist in einer Gesellschaft mit einem dauerhaft niedrigen Zinsniveau weitaus leichter zu gewährleisten als bei hohen Zinssätzen. Hohe Zinssätze erhöhen die Kosten für Wirtschaft, Staat und Konsumenten. Zunehmende Insolvenzen, rückläufige Arbeitseinkommen und höhere Arbeitslosenzahlen sind die Konsequenz. Daraus ergeben sich ernsthafte Probleme für die Alterssicherung.

Das dritte Ökonomen-Mantra: Die Enteignung der Sparer
Reale Zinserträge der Sparer und Anleger zwischen 2 und 5 Prozent, wie sie 60 Jahre lang als völlig selbstverständlich wahrgenommen wurden, gehen immer zulasten arbeitender Menschen. Zinseinkünfte sind immer auch Zinskosten von irgendwem. Die Zinslasten der Betriebe werden über die Preise der Produkte und Dienstleistungen von den Konsumenten bezahlt. Die Zinslasten der öffentlichen Haushalte werden durch die Steuerzahler finanziert.

Ein positiver Realzins ist lediglich durch die Knappheit an Kapital gerechtfertigt. Es gibt kein Grundrecht auf leistungslose Einkommen.

Ein weiteres Missverständnis: „Wer sein Geld auf einem Sparbuch hat, erleidet einen Kaufkraftverlust von durchschnittlich 0,85 Prozent. Bei einem Guthaben von 30.000 Euro beträgt das Minus 255 Euro pro Jahr.“
Mit den Sparbüchern verhält es sich ähnlich wie mit den Giroguthaben, dieses Geld ist kurzfristig verfügbar. Wenn Banken diese recht liquiden Mittel in immer größerem Umfang langfristig verleihen, steigt ihr Risiko, im Krisenfall zahlungsunfähig zu werden. Wer in nennenswertem Umfang Guthaben aus langfristigen in kurzfristige Anlagen umwandelt, entzieht dem Markt solide Kreditmittel. Der überproportionalen, mittlerweile sehr gefährlichen Ausweitung der liquiden Mittel kann man nur durch deutlich unterschiedliche Kosten für kurz- und langfristige Anlagen/Kredite wirksam begegnen.

Im Gegenzug zu den notwendigen Kosten für liquide Geldbestände muss die Notenbank jedoch das Inflationspotenzial abbauen. Die Bereitschaft, das Ersparte möglichst langfristig auszuleihen, kann nur gesteigert werden, wenn die Inflationserwartung zurückgeht.

Und eine konstruierte Bedrohung: Der Staat könnte seine Bürger dazu zwingen, „das Ersparte in niedrig verzinsten Staatsanleihen anzulegen, um so die Zinsausgaben zu drücken.
Die Gefahr von Zwangsanleihen steigt mit der Höhe des Zinsniveaus. Je niedriger das Zinsniveau, desto eher sind die Staaten in der Lage, die eingegangenen Verpflichtungen zurückzuzahlen. Wichtig wäre es, dass alle Staaten mit einem Primärüberschuss, also mehr Steuereinnahmen als Ausgaben ohne Zinslasten, von niedrigen Kapitalmarktzinsen profitieren könnten.

Klaus Willemsen, 10.12.2013

Verwendete Quelle:
<link http: www.zeit.de geldanlage-sparen-altersvorsorge-zinsen>www.zeit.de/2013/47/geldanlage-sparen-altersvorsorge-zinsen