Die Frankfurter Aktivisten Axel Fialka und Alexander Sack fordern im <link http: www.spiegel.de spiegel external-link-new-window externen link in neuem>SPIEGEL-Streitgespräch radikale Reformen bis hin zum Systemwechsel. Der Commerzbank-Chef Martin Blessing hält dagegen, verteidigt die Banken, räumt aber elementare Fehlstrukturen ein. „Blessing: Wir haben ein paar grundsätzliche Probleme, zum Beispiel einen viel zu hohen Verschuldungsgrad in den westlichen Staaten. Die Schulden der Staaten, die Schulden der Banken, die Schulden der Firmen und die Schulden der Privaten sind im Verhältnis zum Sozialprodukt immer weiter angestiegen.“ Die Brisanz dieser eigentlich banalen Erkenntnis wird im Zusammenschnitt mit der Analyse von Axel Fialka deutlich: „Fialka: Für mich ist das alles eine systemische Krise, die auch mit den Finanzmärkten nur am Rande zu tun hat. Letzten Endes zahlt der Bürger immer die Schulden: Die Zinsen der Wirtschaft werden auf die Preise umgelegt, die Zinsen des Staats zahlt er über die Steuern. Sowohl die Politik als auch die Wirtschaft laden alles auf die Bürger ab.“ Genau so kann man es seit 1993 bei Helmut Creutz in „Das Geldsyndrom" nachlesen. An dieser Stelle könnte man heftigen Widerspruch des Bankers erwarten. Doch Blessing ergänzt: „Der Zinseszinseffekt führt außerdem dazu, dass die Vermögen stärker wachsen.Und gleichzeitig haben wir das Problem, vor allem in den USA, dass die Reallöhne sinken.“ Und als hätte sich der Commerzbank Chef mit der Lektüre von Creutz auf das Interview vorbereitet, weist er auf einen weiteren, wesentlichen Umstand hin. „Blessing: Richtig ist: Es gibt im Moment insgesamt zu viel Liquidität und deshalb sehr viele Anlagegelder. Wir müssen zusehen, wie wir langsam wieder Liquidität aus dem Markt nehmen können.“
So groß die Freude über die richtige Analyse ist, bleibt doch festzuhalten, dass Herr Blessing bei seinen Lösungsvorschlägen Phantasielosigkeit beweist: „Es gibt neben Währungsreform und Schuldenschnitt, also den harten Methoden, die etwas weicheren Mittel: sparen, schneller wachsen oder Inflation. Im letzten Fall trägt der Bürger die Staatsschulden über die Geldentwertung ab. Der Staat sind wir alle, wir alle müssen für die Schulden bezahlen.“ Kein Wort davon, dass man über eine Gebühr auf Geld die vagabundierende Liquidität in die soliden Anlagen zwingt, auch dann, wenn die Rendite gegen Null geht. Axel Fialkas Ausführung dagegen enthält den wesentlichen Gedanken: “Es gibt alternative Lösungsmodelle: einen sogenannten Negativzins zum Beispiel - also eine Abgabe auf geparktes Vermögen. Sie würde den Anreiz setzen, Geld zu reinvestieren und nicht zurückzuhalten. Außerdem wäre ich für eine zinsfreie Kreditvergabe vor allem für Geringverdiener, so dass die Einkommensschere nicht weiter aufgeht.“ Dieser bahnbrechende Gedanke bedarf einer kleinen Ergänzung: Eine Geldgebühr, auch Negativzins genannt, führt zu einem Null Zinsniveau. Für Staaten wie für private Konsumenten fallen die Zinskosten um circa 3 %, jener Spanne, um die sich gegenwärtig die Geldvermögen inflationsbereinigt vermehren. Übrig bleiben Vermittlungskosten und Risikoaufschläge, die bei großen wie bei kleinsten Schuldnern allerdings ihre Berechtigung haben. Dem Commerzbank-Chef ist zuzustimmen wenn er schreibt: „Ohne Zinsen gäbe es keine Kredite für Häuslebauer und auch nicht für Unternehmer, die in Wachstum investieren und damit Arbeitsplätze schaffen.“ Als Marktwirtschaftler müssen wir jedoch dafür sorgen, dass das Kreditsystem auch dann funktioniert, wenn bei Kapital Überangebot dessen Preis, der Zins, gegen Null sinkt. Auch in diesem Punkt weist der Occupy-Vertreter in genau die richtige Richtung: „Fialka: Die aufgeblähten Finanzmärkte sind für mich nur eine logische Folge des Kapitals, das sich anhäuft und nicht mehr zirkuliert.“
Der zitierte Spiegelbeitrag findet sich auf SPIEGEL ONLINE - und im Heft Der Spiegel, 31.10.2011in den RubrikenFinanzmärkte bzw. Wirtschaft und nicht wie in früheren Jahren gerne abgeschoben in der Rubrik Gesellschaft. Auch dies ein Hinweis auf die neue Qualität der Diskussion.
Klaus Willemsen, 5.11.2011
