Handelsblatt: Die Scheinwelt der Ökonomen - Krise der Wirtschaftswissenschaften

Die Wirtschaftswissenschaftler müssen ihre geistige Monokultur überwinden und mehr intellektuelle Vielfalt wagen, meint Handelsblatt-Redakteur und Buchautor Olaf Storbeck. Die Disziplin müsse einschneidende Konsequenzen aus ihrem Versagen ziehen.

"Die Mainstream-Makroökonomen leben in einer Scheinwelt, die mit der Wirklichkeit nur zufällige Parallelen besitzt. Die Methoden und Modelle, die in der Forschung üblich waren, haben den Blick auf viele Probleme, die zur zweiten Weltwirtschaftskrise geführt haben, verstellt. In ihnen gibt es keine Banken, keine Kredite, keinen irrationalen Überschwang - und ergo auch keine Bankenkrisen, keine Kreditklemmen, keine Spekulationsblasen."

Storbeck zeichnet die Entwicklungen der Wirtschaftswissenschaften nach, beschreibt aber zuvor den aktuellen Stand. In einem Hintergrundgespräch habe ein Ökonomie-Professor erklärt, was in den ersten vier Semestern VWL-Studium passiere: Brain-Washing. Die jungen Leute seien naive Gutmenschen. Erst wenn man ihnen das mühsam ausgetrieben habe, könne man gute Volkswirte aus ihnen machen. Weiterer Ausdruck der Abgehobenheit ist für den Handelsblatt-Autoren die Hybris berühmter Ökonomen. Als Beispiel wird Nobelpreisträger Robert Lucas genannt, der Rezessionen für unbedeutend und Konjunktur und Krisen für langweilig halte.

"Diese Geisteshaltung führte dazu, dass Makroökonomen in den vergangenen 20 bis 30 Jahren alle möglichen obskuren Themen erforschten - die Frage aber, wie Rezessionen entstehen und wie sie sich verhindern lassen, ignorierten die meisten von ihnen. In der Stunde der größten Not stand die Wirtschaftswissenschaft weitgehend mit leeren Händen da."

Die bei Zentralbanken und Internationalem Währungsfonds (IWF) verwendeten makroökonomischen Modelle würden manche Probleme von vornherein wegdefinieren. So würden sich die Ökonomen das Leben deutlich leichter machen und bräuchten das Finanzsystem in den Modellen nicht näher zu beleuchten.

Mangelnder Pluralismus ist für Storbeck das eigentliche Problem der Wirtschaftswissenschaft. Wir von der INWO laden Sie passend dazu ein, alternative ökonomische Ansätze kennenzulernen - wie die von Wirtschaftsmathematiker Prof. Dr. Jürgen Kremer.