Selten, der über Jahrzehnte wissenschaftlicher Außenseiter war, spart nicht mit Kritik an Ökonomen, die seiner Meinung nach nicht nur weniger wissen, als man denkt, sondern auch weniger wüssten als sie selbst denken. Die Wirtschaftstheorie sei von der Betrachtung des Menschen immer mehr abgekommen. Die Mathematisierung des Faches sei ein gewaltiger Fortschritt, aber nicht ausreichend.
"Manche Ökonomen sagen: Wenn Experimente Ergebnisse bringen, in denen sich die Menschen anders verhalten, als es die Ökonomie sagt, dann gehört das eben nicht zur Ökonomie. Dann ist das Psychologie. Das finde ich einen völligen Quatsch. Wenn in der Wirtschaft psychologische Dinge eine Rolle spielen, dann müssen sie auch in der Wirtschaftstheorie untersucht werden."
Die meisten Ökonomen würden nach wie vor mit den Modellen der vollen Rationalität arbeiten und sich nicht mit dem Konzept der eingeschränkten Rationalität auseinander setzen. Dabei gehen es um bewusste Entscheidungen, in die unbewusste Urteile einfließen. Das widerspreche jedoch der verbreiteten neoklassischen Theorie.
Selten beschreibt die eingeschränkte Rationalität in der Finanzkrise. Die Preise auf dem US-Immobilienmarkt seien immer weiter gestiegen. Den Menschen sei dadurch die einfache Idee gekommen, dass Preise Knappheiten auf dem Markt wiederspiegeln. Diese These sei sogar von Ökonomen in wissenschaftlichen Zeitschriften vertreten worden. Das sei eben falsch gewesen.
Eine ähnliche Entwicklung sieht der Wirtschaftsnobelpreisträger von 1994 laut Handelsblatt nun in China. Außerdem befüchtet er einen ungesunden Prämienwettbewerb der Versicherungen. Wenig Hoffnung setzt Selten auf die Politik. Regulierung werde oft diskutiert und auch umgesetzt. Wenn sie greife, würde sie allerdings auch bald wieder auf Druck von Lobbyisten abgeschafft und alles dem Markt überlassen.
Der Wirtschaftsmathematiker Prof. Dr. Jürgen Kremer hat seine Kritik an der Volkswirtschaft und die von Steve Keen in ein mathematisches Modell übersetzt. Der FAIRCONOMY-Autor ist dabei zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen.
