"Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an!" heißt es so schön bei Udo Jürgens. 66 Jahre alt wird in diesem Jahr auch der sogenannte Keynes-Plan bzw. Bancor-Plan. Dieser Plan wurde vom bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts auf der bedeutendsten Konferenz des 20. Jahrhunderts vorgestellt: von John Maynard Keynes in Bretton Woods im Jahre 1944, wo die Sieger des Zweiten Weltkrieges über die Weltwirtschaftsordnung der Nachkriegszeit berieten und befanden. Keynes fungierte in Bretton Woods als Leiter der britischen Delegation. Mit seinem Plan konnte er sich seinerzeit gegen die übermächtige Dominanz der US-Amerikaner nicht durchsetzen und sein Plan verfiel für Jahrzehnte in einen Dornröschenschlaf, der nun enden könnte.
Lange Zeit war der Plan auch Fachleuten, auch Ökonomen, auch solchen, die sich explizit auf Keynes beriefen, weitgehend unbekannt. Viele hatten davon noch nie gehört. 1988 erfolgte schließlich die Veröffentlichung einer deutschen Übersetzung von Keynes’ Originaltext durch den deutschen Ökonomen Jan A. Kregel; denkwürdigerweise allerdings nicht etwa in einer ökonomischen Fachzeitschrift, sondern in der deutschen Ausgabe von "Lettre International", einem großformatigen europäischen Kunst-, Kultur- und Literaturjournal.[1] 10 Jahre später, 1998, erfolgte die erste Veröffentlichung zum Thema durch den Autor im Rahmen einer Diskussion der Sinnhaftigkeit des Euro.[2]
Seitdem hat sich Einiges getan und der Keynes-Plan ist kein ganz unbekannter mehr: Nicht nur Attac und nicht nur die UNCTAD[3] und nicht nur der Präsident der chinesischen Zentralbank Zhou Xiaochuan fordern nicht nur eine Reform des gegenwärtigen Weltfinanzsystems, sondern explizit auch eine Umsetzung des Keynes-Plans, mindestens aber eine konkrete Ausrichtung der geforderten Reformen an diesem Plan (s.u.). Aber zunächst: Worum geht es?
Grundgedanken des Bancor-Plans
Der Bancor-Plan[4] sieht die Gründung einer Union für den internationalen Zahlungsverkehr, die sogenannte "International Clearing Union", vor, die auf einem internationalen – gewissermaßen virtuellen – Bankgeld, dem sogenannten Bancor, beruht. Der Bancor steht in einem festen (aber nicht für alle Zeit unveränderlichen) Austauschverhältnis zu den teilnehmenden Währungen, tritt aber selbst nicht in Notengeldform oder anderweitig als Zahlungsmittel für die Wirtschaftssubjekte in Erscheinung. Die Zentralbanken der Mitgliedsländer unterhalten bei der International Clearing Union Konten, die es ihnen ermöglichen, ihre Leistungsbilanzen untereinander, definiert in Bancor-Einheiten, auszugleichen. Für Länder mit einer positiven Leistungsbilanz (die also mehr Güter und Dienstleistungen exportieren als sie importieren) wird bei der Clearing Union ein Bancor-Guthaben ausgewiesen, für solche mit einer negativen Bilanz ein entsprechendes Soll.
Das Ganze wird von Maßnahmen begleitet, die einer unbegrenzten Anhäufung von Guthaben sowie von Schulden entgegenwirken: Für jeden Mitgliedstaat wird – nach einem Schlüssel unter Berücksichtigung der bisherigen außenwirtschaftlichen Aktivität – zunächst die Höhe seiner maximal erlaubten Verschuldung gegenüber der Union festgelegt, die sogenannte "Quote", welche jedoch in regelmäßigen Abständen überprüft und angepasst werden kann. Übersteigt nun der jährliche Durchschnitts-Saldo eines Mitgliedstaates ein Viertel seiner Quote, so soll vom entsprechenden Differenzbetrag eine Gebühr von 1% an den sogenannten Reserve-Fonds der Clearing Union gezahlt werden; und zwar unabhängig davon, ob es sich nun um einen Haben- oder einen Schuldensaldo handelt! Übersteigt der Saldo die Hälfte der Quote, so erhöht sich die Gebühr auf 2%. Mitgliedsstaaten, die Schulden haben, können aber nunmehr auf Grundlage gegenseitiger Vereinbarungen aus den Guthaben der Mitgliedsstaaten, die über solche verfügen, Anleihen aufnehmen, wodurch beide, die Schuldner wie die Gläubiger, ihre Gebühren an die Clearing Union vermeiden können. Dabei ergibt es sich markt-logisch, dass die Konditionen für diese Anleihen bei Zinssätzen unter 1% bzw. unter 2% liegen werden, da die Schuldner selbstverständlich nicht bereit sein würden, mehr zu bezahlen als sie an Gebühren an die Clearing Union zu entrichten hätten. Auf der anderen Seite sind die Gläubiger ebenfalls froh, keine Gebühren entrichten zu müssen und geben sich im Idealfall mit einem Zinssatz nahe oder sogar gleich Null zufrieden. Unter den gegebenen Bedingungen ist es auch ohne weiteres vorstellbar, dass sich Gläubiger – zumindest vorübergehend – mit leicht negativen Zinssätzen einverstanden erklären, wenn sich ihre Position dadurch günstiger darstellt, als wenn sie Strafgebühren entrichten müssen.
Keynes dazu: "Auf der anderen Seite muss die Clearing-Union auch auf Gläubigerländer dahingehend einwirken können, dass sie ihre umfangreichen Liquiditätsreserven ungenutzt lassen, damit diese für einen positiven Zweck verwendet werden können. Denn übermäßige Guthaben erzeugen notwendigerweise übermäßige Schuldbilanzen für eine andere Partei. Mit der Anerkennung der Tatsache, dass der Kreditgeber ebenso wie der Schuldner verantwortlich sein kann für mangelndes Gleichgewicht, würde die vorgeschlagene Institution absolutes Neuland betreten."[5]
Bei Überschreiten des Schuldkontos um mehr als ein Viertel der Quote sind die Mitgliedstaaten zunächst nur berechtigt, den Kurs ihrer Währung gegenüber dem Bancor anzupassen. Bei Überschreitung um mehr als die Hälfte der Quote kann die Clearing Union eine bestimmte Abwertung der Währung des Mitgliedstaates verlangen sowie der Regierung des Mitgliedstaates "solche Maßnahmen zur Beeinflussung der inländischen Wirtschaft empfehlen, die geeignet erscheinen, um die internationale Zahlungsbilanz dieses Landes wieder auszugleichen"[6]. Übersteigt das Schuldenkonto eines Mitgliedslandes schließlich mehr als drei Viertel seiner Quote, so kann die Clearing Union vom Mitgliedstaat noch weitergehende Maßnahmen verlangen.
Aber auch die Gläubiger(-staaten) sollen zur Rechenschaft gezogen werden können: Übersteigt bei einem Mitgliedstaat das Guthabenkonto die Hälfte seiner Quote, "dann verständigt er sich mit dem Vorstand (der Clearing Union, TB) darüber, welche Maßnahmen geeignet erscheinen, um einen Ausgleich seiner internationalen Zahlungsbilanz herbeizuführen".[7],,Hierzu gehören:
a) Maßnahmen zur Steigerung der Inlandsnachfrage
b) Aufwertung seiner Landeswährung gegenüber dem Bancor oder aber ergänzend bzw. alternativ – ein Anheben der Geldlöhne
c) die Reduzierung von Importzöllen und anderen Importhemmnissen
d) internationale Darlehen für die Entwicklung zurückgebliebener Länder.
Um zu vermeiden, dass bereits bestehende oder aber befürchtete Annäherungen an die Quoten der Teilnehmerländer zu nicht marktkonformen Handelsbeschränkungen bzw. Beeinflussungen führen, die letztlich retardierend auf die Prosperität der gesamten Weltwirtschaft wirken würden, sollen ausgeschlossen werden:
– Importbeschränkungen,,– Tauschhandelsabkommen,,– Exportquoten und diskriminierende Exportsteuern,,– Exportzuschüsse,,– Zölle, "die eine angemessene Höhe übersteigen".
Über den Welthandel hinaus sollte der Bancor auch allerlei segensreiche Wirkungen für andere internationale Aufgaben entfalten. So nannte Keynes in seinem Entwurf die Einrichtung[8]
– internationaler Körperschaften, die sich mit Nachkriegshilfe, Sanierungsprogrammen und Wiederaufbau befassen,,,– einer übernationalen Ordnungsmacht, "die die Aufgabe hat, den Frieden zu bewahren und die internationale Ordnung aufrecht zu erhalten",,,– einer internationalen Investitionsgesellschaft,,,– einer internationalen Körperschaft, die mit der Steuerung der Rohstoffversorgung befasst ist und beispielsweise Rohstofflager finanziert.
Die genannten Institutionen sollen sehr eng mit der ICU zusammenarbeiten[9] und damit (nunmehr "klassisch keynesianisch") die Übel des Konjunkturzyklus durch die Ausübung von Dämpfungs- oder Wachstumsimpulsen auf das Gesamtsystem oder auf einzelne Bereiche bekämpfen. Die Finanzierung der eher konsumtiven Ausgaben (Ordnungsmacht, Aufbauprogramm) könnte dabei durch den Reserve Funds erfolgen.
Die ICU wäre also eine Institution, die multilateral barter trading (z. dt. Kompensationsgeschäfte) organisiert und auf Basis eines "Geldes" verrechnet, das lediglich bei der Verbuchung gelieferter Leistungen auf der Aktivseite des Lieferanten und auf der Passivseite des Verbrauchers in Erscheinung tritt, auf Geldverkehr im üblichen Sinne also völlig verzichtet. Man könnte sie also durchaus auch mit einem Tausch-Ring der Nationalstaaten vergleichen. In Bank-Termini ausgedrückt, handelt es sich um eine "Bank", die sich einer nicht konvertiblen Währungseinheit bedient, kein Liquiditätsproblem kennt, immer zahlungsfähig ist, nicht zusammenbrechen und dementsprechend auch auf Reserven verzichten kann. Insofern kann auch darauf verzichtet werden, dass einzelne Mitgliedstaaten Vermögenswerte zur Verfügung stellen, um einen Kapitalstock für einen Fond zu bilden, der Kredite vergibt (wie das beim heute real existierenden IWF und der Weltbank der Fall ist). Die Bereitstellung der Liquidität würde in genau der zur Finanzierung des Handels erforderlichen Größenordnung erfolgen. Im Verhältnis zum Bedarf wäre also nie zuviel oder zuwenig internationales Geld vorhanden. Die internationale Währung wäre ausschließlich von endogenen Prozessen bestimmt und nicht abhängig von Goldfunden, vom Vertrauen in eine Leitwährung bzw. vom Grad der durch das Leitwährungsland zur Verfügung gestellten Liquidität. Das in der heutigen Praxis häufig hochproblematische Dilemma zwischen der Verwendung der Leitwährung (US-$) als einerseits nationaler Währung und andererseits internationaler Liquidität und Zentralbankreserve wäre aufgelöst (s.u.).
Keynes betonte, dass ein weiterer bedeutender Vorteil des Systems darin besteht, dass dabei nicht mehr Liquidität über Hortungsmechanismen dem Markt entzogen und dadurch deflationärer Druck mit Kontraktionswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft ausgeübt werden kann. Insbesondere sollte die Konvertibilität des Bancor in Gold explizit ausgeschlossen werden. Er bezieht sich damit augenscheinlich auf die USA, die ihre Außenhandelsüberschüsse Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dazu benutzten, den größten Goldschatz der Weltgeschichte aufzubauen:
"Ebenso wie die Entwicklung nationaler Banksysteme zur Auflösung eines deflationären Drucks geführt hat, der ansonsten die Entwicklung der modernen Industrie verhindert hätte, können wir bei Anwendung des gleichen Prinzips auf internationaler Ebene hoffen, dass es uns gelingen wird, die Kontraktionstendenzen zu kompensieren, die ansonsten dazu führen könnten, dass die Zukunftschancen unserer modernen Welt in sozialen Unruhen und Enttäuschungen untergehen. Ein Kreditmechanismus anstelle des Hortens hätte auf internationalem Gebiet das Wunder noch einmal hervorgebracht, das schon auf nationaler Ebene Stein in Brot verwandelt hat."[10]
Gläubigerländer sollten also nur noch die Möglichkeit haben, ihre Überschüsse entweder auszugeben oder aber – und zwar zinsfrei oder jedenfalls zinsgünstig – zu verleihen, nicht aber, diese Überschüsse aufzuschatzen, weder in Gold noch in Fremdwährungen (s.u.), noch sonst wie, weil der Bancor zum Horten einfach nicht zu gebrauchen ist. Denn: "Die Weigerung, Kredite zu vergeben, würde entweder durch einen negativen Zins auf Einlagen oder deren Konfiszierung sanktioniert."[11]
"Das prinzipielle Ziel lässt sich in einem Satz erklären", erläuterte Keynes im britischen Oberhaus, "dafür zu sorgen, dass Geld, das man durch den Verkauf von Gütern in einem Land erhält, dafür ausgegeben werden kann, Produkte eines anderen Landes zu kaufen. In der Fachsprache: Ein System des multilateralen Clearings. In Englisch: eine universelle Währung gültig für Gütergeschäfte in der ganzen Welt. Alles andere in dem Plan ist demgegenüber untergeordnet."[12]
Die Beziehung zwischen Bancor und Gold gleicht dabei einer Einbahnstraße: Zwar sollte es jedem Land möglich sein, bei der ICU Bancor-Guthaben gegen Gold zu "kaufen", nicht aber, in der Gegenrichtung per Aufgabe von Bancor-Guthaben Gold zu erwerben; und auch nicht, "zurück" zu erwerben. Damit wäre der Status des Bancor als Reservewährung gestärkt worden und das Notenbankgold nach und nach zur ICU gewandert. Für Keynes schien einigermaßen klar zu sein, dass die Macht dort ist, wo das Gold ist und umgekehrt (s.u.).
Keynes betonte bei seinem System auch den multilateralen Charakter des Beziehungsgeflechts von Handelsströmen, denn ein Land ist immer im Soll oder Haben mit der ICU als Ganzer und muss nicht etwa warten, bis sein Gläubiger bzw. Schuldner seine Waren nachfragt bzw. ihm welche liefert. Dies war in der Tat zu Zeiten von Bretton Woods weniger selbstverständlich als dies heute der Fall ist: Zum einen war der Anteil des internationalen Handels am Handel insgesamt weit geringer; zum anderen war internationaler Handel oft bilateral gebunden und – soweit multilateraler Natur – häufig/typischerweise Gold-vermittelt.
Der US-Dollar als internationale Leitwährung und das Triffin-Dilemma
Wir haben heute einen funktionierenden, wenn auch nicht gleichgewichtigen multilateralen Welthandel ohne Bancor, der auch nicht mehr durch Gold vermittelt ist. Aber an die Stelle des Goldes trat die sogenannte Leitwährung US-Dollar. Das war aber genau, was Keynes verhindern wollte, auch innerhalb des ICU-Systems: "Um sicherzustellen, dass das Pfund Sterling und der Dollar nicht mit dem Bancor als Reservewährung in Konkurrenz treten, könnten Großbritannien und die Vereinigten Staaten vereinbaren, keine über das notwendige Maß hinausgehenden Reserveguthaben anderer Staaten zu akzeptieren."[13]
Man muss kein Moralist sein, um das heutige System für ungerecht zu halten: Ökonomischen Disparitäten wird dadurch nicht etwa entgegengewirkt, sondern sie werden im Gegenteil verstärkt: Die Unternehmen und Banken im Leitwährungsland können in der heimischen Währung kalkulieren, Kosten für Kurssicherungsgeschäfte und Wechselkurs-Provisionen entfallen für sie völlig und werden auf das Ausland abgewälzt. Der übrige Welthandel muss – auch für den Handel untereinander – in Leitwährung liquide sein, denn fast der gesamte Welthandel wird dergestalt abgewickelt.[14] Die Leitwährung setzt sich schließlich auch als internationales Wertaufbewahrungsmittel durch: Nicht nur werden zwei Drittel der Währungsreserven der Notenbanken in US-$ gehalten, sondern auch beinahe die Hälfte der gesamten privaten Ersparnisse. Selbst chinesische Bauern sammeln Überschüsse in $-Noten.
Durch die genannten Zusammenhänge wird ein Nachfrageschub nach Leitwährung induziert, der bequem mit einer Ausweitung der Geldmenge in Leitwährung beantwortet werden kann, ohne dass dadurch unmittelbar Inflationsgefahren für das Leitwährungsland drohen. Denn das Geld wird ja "draußen" gebraucht und ist insofern im Inland nicht nachfragewirksam. Der dadurch entstandene zusätzliche Notenbankgewinn kommt aber natürlich dem Leitwährungsland zugute. Als solches lässt es sich schließlich auch dann noch gut leben, wenn man vom internationalen Gläubiger zum internationalen Schuldner mutiert ist, wie im Falle der USA geschehen. Denn die Verschuldung in der eigenen Währung gestaltet sich vergleichsweise problemlos: "We just print the money!"
Was Keynes am Ende seines Lebens verhindern wollte, war genau die Absicht seiner Kontrahenten. Bekanntermaßen konnte er sich in Bretton Woods nicht durchsetzen. Stattdessen kam der amerikanische "White-Plan" zum Zuge, ein System fester Wechselkurse mit dem US-Dollar im Mittelpunkt, indirekter Goldbindung (über den Dollar) und selbstverständlich einer positiven Verzinsung der Überschüsse. Keynes kommentierte den White-Plan – inoffiziell – mit den Worten: "Das ist kein Währungssystem mehr, sondern eine Kneipe, in der der bezechte Wirt seine Gäste verführt mitzuhalten. Wer unangemessen nüchtern bleiben will, fliegt raus. Der beschwipste Wirt setzt ihn eigenhändig vor die Tür."[15]
Die USA waren nicht nur die militärische und politische, sondern als einzige nicht zerstörte Volkswirtschaft auch die wirtschaftliche Siegermacht des Zweiten Weltkrieges und schon allein dadurch in der Position eines Weltgläubigerlandes. Der "White-Plan" entsprach den ökonomischen und politischen Interessen der USA natürlich eher als der Keynes-Plan. Deshalb – und nicht etwa, weil er nicht praktikabel gewesen wäre – wurde der Keynes-Plan in Bretton Woods verworfen. Keynes selbst hat bewusst betont, dass sein System nicht nur eine schöne Idee sein soll, sondern auch in der Praxis umsetzbar ist, "und zwar unabhängig von der jeweiligen Regierungsform und den Prinzipien der Wirtschaftspolitik der betreffenden Mitgliedstaaten."[16] In diametralem Gegensatz dazu steht die heutige Praxis der obligatorischen Einflussnahme des IWF auf die Verwendung der Kredite, die die notleidenden Empfängerländer erhalten.
Genau um der Gefahr einer Praxis wie der des heutigen IWF entgegenzuwirken, wollte Keynes eine epochale Änderung: "Die vorgeschlagenen Regelungen weichen in einem wichtigen Punkt vom Vorkriegssystem ab, da sie die Verantwortung für die Wiederherstellung eines Gleichgewichts nicht nur dem Schuldnerland, sondern zum Teil auch dem Gläubigerland aufbürden.[...] Dabei zielen die Maßnahmen darauf ab, die Gläubiger aus ihrer rein passiven Rolle zu locken. Solange das nicht gelingt, stehen die Schuldnerländer, die als Schuldner ohnehin in der schwächeren Position sind, unter Umständen vor einem unlösbaren Problem."[17]
Aber es geht nicht (nur) um Moral. Vielmehr geht es mittlerweile darum: Jeder US-Dollar, den China hält – sei es nun der Bauer oder die Zentralbank – ist Ergebnis einer Leistung, die China gegenüber den USA erbracht hat. Der US-Dollar selbst ist aber (noch) keine Leistung, allenfalls ein Leistungsversprechen. Offenbar fragen sich aber immer mehr Menschen nicht mehr nur, wann denn nun, sondern auch, ob denn nun überhaupt diese Gegenleistung jemals erbracht werden wird.
Unter der Schlagzeile "Weg vom Dollar – Die Zeit ist reif für ein neues Weltwährungssystem" äußerte sich die Süddeutsche Zeitung (SZ) zum Thema wie folgt: "Die Russen wollen es, die Chinesen auch, die Araber sowieso – doch im Westen hört bisher kaum jemand richtig hin: Es geht um ein neues Weltwährungssystem, eines, das unabhängiger ist vom amerikanischen Dollar, der umso mehr an Vertrauen verliert, je länger die Krise dauert. [...] Ignoriert der Westen weiter die Vorschläge der neuen Wirtschaftsmächte, riskiert er einen unkontrollierten Wechsel zu einer neuen Leitwährung. Eine plötzliche Flucht aus dem Dollar würde in der jetzigen Krise zu weiteren Verwerfungen führen. Niemand wüsste in solch einem Fall, welches Geld sich am Ende durchsetzen würde. Heftige Währungsturbulenzen wären die Folge, mit entsprechenden Folgen für die beteiligten Länder und die gesamte Weltwirtschaft. In der Vergangenheit endeten Währungskrisen häufig damit, dass sich Gold oder eine durch Gold gedeckte Währung durchsetzte und so der Wert der Währung gesichert wurde."[18]
Für den von der SZ angesprochenen Ernstfall sind die USA gar nicht so schlecht gerüstet. Denn der US-Dollar vollbringt die Hexerei, dass der größte Schuldner der Weltgeschichte auf dem größten Goldschatz der Weltgeschichte sitzt: Die typische Währungsreserve der Zentralbanken dieser Welt ist der Dollar – im Durchschnitt zu 65%. Aber die typische Währungsreserve der Federal Reserve, also der US-Zentralbank, ist Gold – zu 78%. Mit 8.113,5 Tonnen Gold besitzt die Fed 27,3 % allen Notenbankgoldes der Welt. An zweiter Stelle folgt Deutschland mit heute 3.408,3 Tonnen, hauptsächlich Ergebnis der gewaltigen deutschen Außenhandelsüberschüsse der unmittelbaren Nachkriegszeit. Aber das deutsche Gold befindet sich ebenfalls in den USA, jedenfalls der allergrößte Teil. Erst an dritter Stelle folgt der IWF mit 3.217,3 Tonnen. Aber der ist auch in Washington. Allein durch die ersten 3 Positionen (die Welt zählt z. Zt. 193 Staaten) befindet sich bereits die Hälfte allen Notenbank-Goldes dieser Welt physisch auf US-Territorium – atombombensicher in Fort Knox, Manhattan und sonstwo. Doch damit nicht genug. Mindestens 60 weitere Notenbanken lassen zumindest einen Teil ihrer Goldreserven ebenfalls von und in den USA verwalten bzw. betreuen bzw. beschützen. Das Notenbankgold macht zwar insgesamt nur ca. ein Viertel allen geförderten Goldes der Welt aus, aber vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die USA nach wie vor als größte Volkswirtschaft der Welt – und zwar mit großem Abstand – ein Viertel des planetaren Sozialproduktes erzeugen, dabei ein sehr hohes Pro-Kopf-Einkommen erzielen, das aber auch sehr stark ungleich verteilt wird, müsste es sehr erstaunen, wenn sich die Verhältnisse im Bereich privaten Gold-Besitzes deutlich anders darstellten.
Zwar ist es richtig, wie die SZ schreibt (s.o.), dass das Vertrauen in den US-Dollar durch die Krise leidet; es ist umgekehrt aber ebenso richtig (und zu erwähnen wichtig), dass diese Krise ohne den Dollar im Rahmen des bestehenden Weltfinanzsystems gar nicht möglich gewesen wäre.
Der belgisch-amerikanische Ökonom Robert Triffin hat bereits 1960 auf einen Konstruktionsfehler des (seinerzeit noch bestehenden) Bretton-Woods-Systems, also des White-Plans, aufmerksam gemacht, der unter dem Begriff "Triffin-Dilemma" in der Fachwelt Einzug hielt. Vor dem Hintergrund nicht beliebig ausweitbarer Goldbestände kann die Versorgung der wachsenden Weltwirtschaft mit der Weltleitwährung Dollar nur gewährleistet werden, indem die USA die Verpflichtung zur Einlösung des Dollars in Gold ersetzt durch eine Verpflichtung zur Einlösung des Dollars in eine Leistung der eigenen Volkswirtschaft. Triffin hat also nicht nur die Lösung des Dollars vom Gold (1971 schließlich realisiert durch Richard Nixon) korrekt prognostiziert, sondern auch die Verschuldung der USA beim Rest der Welt, weil per Saldo nur dadurch Dollar aus den USA in die Welt gelangen und dort die Funktion der Weltwährung ausüben können, nur dadurch Deutschland in Saudi-Arabien Öl gegen Dollar kaufen kann usw.. Was er in seinem Buch "Gold and the Dollar Crisis" ebenfalls prognostizierte, waren aber auch immer größere Instabilitäten und schließlich eben eine Dollar-Krise – offenbar ebenfalls korrekt, wie sich mittlerweile zeigt.
Triffin schrieb seinerzeit: "Ob es eine Chance gibt, diese Probleme rechtzeitig zu bewältigen, bevor eine größere Krise des internationalen Währungssystems erfolgt, ist eine ganz andere Frage, die nur die Geschichte allein beantworten kann und beantworten wird."[19] Klar ist, dass die Geschichte diese Frage mittlerweile beantwortet hat. Klar ist auch, dass es nicht angehen kann – und für Ökonomen schon gar nicht – zu behaupten, dass die gegenwärtige Krise nicht vorhersehbar war. Denn Triffin hat sich keineswegs auf den akademischen Elfenbeinturm beschränkt, sondern 1960 u.a. vor dem US-Kongress zum Thema ausgesagt. Klar ist auch spätestens seit der Asienkrise Ende der 1990er Jahre, dass die Unmassen an um den Erdball schwappenden Dollar-Liquiditäten weder etwas mit realer Wertschöpfung noch mit Interessen einer demokratischen Mehrheit zu tun haben können. Und klar ist schließlich auch, dass es unter einem Bancor-Regime einen Konstruktionsfehler namens Triffin-Dilemma nicht hätte geben können.
Der Bancor-Plan auf der Agenda von Attac
Am eigenen Anspruch gemessen etwas spät hat Attac das Thema für sich entdeckt: Vor knapp zwei Jahren machte ein entsprechendes Positionspapier den Keynes-Plan zu einer "geeigneten Forderung der Linken in der aktuellen Finanzkrise."[20] Die bereits – u.a. auch von Attac selbst – ins Spiel gebrachten Vorschläge zur Verbesserung des Weltfinanzsystems – Tobin-Tax, Wechselkurs-Zielzonen, Kapitalverkehrskontrollen, internationales Insolvenzrecht – sollen Katalysatorfunktionen im Hinblick auf das Erreichen des Fernziels Bancor übernehmen.[21] In einem ICU-Regime wäre die Macht der liberalisierten Finanzmärkte deutlich zurückgestutzt, die Weltwirtschaft aufgrund fester Wechselkurse und eines symmetrischen Sanktionsmechanismus für Überschuss- und Defizitländer deutlich stabiler, der bereits seit langem geforderte Paradigmenwechsel der deutschen Wirtschaft von der Export- zur Binnenorientierung unausweichlich und damit die Harmonisierung der Interessen der Menschen in den Entwicklungsländern mit denen der abhängig Beschäftigten in Deutschland erreicht. Höhere finanzielle und wirtschaftliche Spielräume verschafften die Voraussetzung zur Überwindung des Nord-Süd-Konflikts einerseits und zu aktiver Umverteilung von Oben nach Unten andererseits. Und schließlich sei der Keynes-Plan "übersystemisch angelegt und keineswegs auf einen Verbleib im Kapitalismus angewiesen."[22]
Der Bancor-Plan als Element einer Steady-State-Economy
Herman Daly, ehemaliger Chef-Ökonom der Umwelt-Abteilung der Weltbank, hat sich im Verlauf seiner akademischen Karriere zu einem unnachgiebigen Wachstumskritiker und entschlossenem Anhänger einer Steady-State-Ökonomie gewandelt: "Die verbleibende natürliche Welt ist nicht mehr länger in der Lage, die Quellen und Abflüsse für den Stoffwechseldurchsatz zur Verfügung zu stellen, der nötig ist, um die derzeitige überdimensionierte Wirtschaft in Gang zu halten. Und erst recht kann sie keine weiter wachsende Wirtschaft tragen. [...] 200 Jahre lang haben wir in einer Wachstumswirtschaft gelebt. Das macht es schwierig, sich vorzustellen, wie eine Steady-State-Ökonomie aussehen würde, obwohl die Menschheit die meiste Zeit ihrer Geschichte in einem Wirtschaftssystem gelebt hat, in dem jährliches Wachstum vernachlässigbar war. [...] Unabhängig davon, ob es hart oder einfach wird, müssen wir eine Steady-State-Ökonomie zu erreichen versuchen, weil wir nicht weiter wachsen können."[23]
2008 wurde Daly vom kanadischen Magazin "Adbusters" zur "Person des Jahres" gewählt. In seiner vielbeachteten Ansprache anlässlich der Preisverleihung zeigte er Wege zur Erreichung des Ziels der Steady-State-Ökonomie auf. Daly erkennt, dass eine nicht mehr wachsende Ökonomie notwendig ein nicht mehr auf Wachstum angelegtes Geldsystem voraussetzt. Im Hinblick auf die nationalen Volkswirtschaften spricht er sich deshalb für eine Abkehr vom derzeitigen Geldsystem hin zu einem 100%-Money-System aus. Dabei handelt es sich um eine Idee, die bereits von Henry Simons und danach von Irving Fisher 1935 in seinem Buch "100-Money"[24] entwickelt, später u.a. von Milton Friedman aufgegriffen und von Joseph Huber in seinen Büchern "Vollgeld" (1998) und "Geldschöpfung in öffentlicher Hand" (2008)[25] weiterentwickelt wurde. "Geld zu verleihen, das tatsächlich von jemandem gespart wurde, stellt das klassische Gleichgewicht zwischen Sparen und Investieren wieder her. Diese zusätzliche Disziplinierung beim Leihen und Verleihen würde solche Debakel wie bei der aktuellen "Subprime-Krise" verhindern."[26] Aber im Hinblick auf die globale Ökonomie plädiert auch Daly für die "Wiederbelebung" von Keynes International Clearing Union durch den IWF.
Wiederentdeckung des Bancor-Plans in China, Russland und bei den Vereinten Nationen
Am 23.03.2009 trat der Präsident der chinesischen Zentralbank, Zhou Xiaochuan, mit einer Stellungnahme an die Weltöffentlichkeit, die an Deutlichkeit nichts mehr zu wünschen übrig ließ: Xiaochuan nannte zwar den US-Dollar nicht beim Namen, hingegen das Triffin-Dilemma (s.o.) und wies darauf hin, dass es ein "seltener Spezialfall in der Geschichte" ist, dass eine "kreditbasierte nationale Währung" als internationale Reservewährung dient. Denn der zwangsläufige Importüberschuss und der Konflikt, eben das Dilemma zwischen der Notwendigkeit, im Interesse nationaler Geldpolitik Liquidität und damit Inflation und Blasenbildungen zu begrenzen, aber andererseits für den Welthandel ausreichend Liquidität bereitzustellen, sei unauflöslich und verantwortlich für die immer öfter und immer intensiver auftretenden Finanzkrisen. Immer deutlicher überwögen die Nachteile die Vorteile und letztlich sei der Preis zu hoch – und zwar auch für das Leitwährungsland selbst:
"Das erstrebenswerte Ziel einer Reform des internationalen Währungssystems ist es deshalb, eine internationale Reserve-Währung zu kreieren, die losgelöst ist von einzelnen Nationen und die in der Lage ist, langfristig stabil zu bleiben und auf diese Weise die innewohnenden Defizite zu beseitigen, die durch die Nutzung kreditbasierter nationaler Währungen verursacht werden. Obwohl die supranationale Reservewährung schon vor langem vorgeschlagen wurde, ist bis heute noch kein substantieller Fortschritt erreicht worden. Bereits in den 1940er Jahren hatte Keynes vorgeschlagen, eine internationale Währungseinheit namens "Bancor" einzuführen. [...] Unglücklicherweise wurde der Vorschlag nicht akzeptiert. Der Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems, das auf dem White-Plan basierte, zeigt, dass der Keynes-Plan möglicherweise weitsichtiger gewesen ist. [...] Eine supranationale Reservewährung beseitigt nicht nur die einer kreditbasierten nationalen Währung innewohnenden Risiken, sondern ermöglicht es auch, globale Liquidität zu steuern. Eine supranationale Reservewährung – von einer globalen Institution gesteuert – könnte sowohl genutzt werden um globale Liquidität zu kreieren als auch um sie zu kontrollieren. Und wenn die Währung eines Landes nicht mehr länger als die Meßlatte für den Welthandel benutzt wird und nicht mehr als der Bezugspunkt für andere Währungen, dann wird die Wechselkurspolitik dieses Landes im Hinblick auf die Balancierung wirtschaftlicher Ungleichgewichte bei weitem effektiver sein. Dies wird die Risiken einer zukünftigen Krise signifikant reduzieren und die Tauglichkeit des Krisenmanagements erhöhen. Die Reform sollte von einer großen Vision geleitet werden und mit überschaubaren Arbeitseinheiten beginnen. Es sollte ein schrittweiser Prozess sein, der zu positiven Resultaten für alle Seiten führt. [...] Die Schaffung einer internationalen Währungseinheit, die auf dem Keynes-Plan beruht, ist eine dreiste Initiative, die außerordentlichen politischen Weitblick und Courage erfordert."[27]
"Angriff auf den Dollar – Die Chinesen beleben die Debatte um eine Weltwährung neu" titelte die ZEIT und kommentierte: "Noch vor einem Jahr wäre ein solcher Vorgang undenkbar gewesen."[28] Auch bei der FAZ ist der Keynes-Plan inzwischen angekommen. Unter dem Titel: "Der Bancor als Währung für die Welt" schreibt der Wirtschaftsredakteur Gerald Braunberger: "Das Unbehagen in führenden Schwellenländern wie China über den Dollar als wichtigste Währung der Welt hat in den vergangenen Monaten zugenommen. Die sich an den Kapitalmärkten ausbreitenden Sorgen, dass die Amerikaner zur Finanzierung ihres ausufernden Staatsdefizits in den kommenden Jahren höhere Inflationsraten zulassen werden, dürfte dieses Unbehagen noch verstärken. Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs finden grundsätzliche Überlegungen über ein anderes Währungssystem statt."[29]
Braunberger hat vergangenen Herbst auch gleich noch ein Buch über Keynes geschrieben "Keynes für jedermann – Die Renaissance des Krisenökonomen". Darin wird nicht nur Keynes selbst, sondern auch der von ihm vorgestellte Plan eines neuen Weltfinanzsystems ausführlich und wohlwollend beschrieben und gewürdigt. "Es lag in Keynes Absicht, die Bildung großer Leistungsbilanzsalden zu verhindern, die er nicht nur aus ökonomischen, sondern auch aus politischen Gründen ablehnte, da sie ernsthafte Spannungen zwischen Nationen hervorrufen könnten. Situationen wie die aktuelle, in der die Vereinigten Staaten seit Jahren exorbitante Leistungsbilanzdefizite ausweisen, während China seit Jahren als Folge hoher Leistungsbilanzüberschüsse gewaltige Währungsreserven akkumuliert, wären in Keynes Modell nicht möglich gewesen."[30]
Am 16.06.2009 stieß Russlands Präsident Medwedew bei einer Konferenz asiatischer Staaten in Jekaterinburg in dasselbe Horn: "Wir müssen das internationale Währungssystem stärken, nicht nur mittels einer Konsolidierung des Dollars, sondern über die Schaffung neuer Reservewährungen."[31] Allerdings orientierte sich Medwedew (noch) nicht direkt am Bancor, sondern er wollte zunächst die Sonderziehungsrechte des IWF ausbauen und mit Rohstoffen und Gold decken. Unter dem Titel "Attacken auf den Dollar – Medwedew fordert eine neue Leitwährung" schrieb die "Süddeutsche Zeitung": "Medwedews Vorstoß ist der jüngste und bisher deutlichste Aufruf an die westlichen Industriestaaten, sich an einer Diskussion über eine neue Weltfinanzordnung zu beteiligen, die bislang vorwiegend in Asien, dem Nahen Osten und Teilen Südamerikas geführt wird. Es geht darum, den Dollar als bislang unangefochtene Leitwährung im Welthandel und als Reservewährung allmählich abzulösen, weil dies immer weniger den tatsächlichen Machtverhältnissen auf den Weltmärkten entspricht."[32]
Am 21.06.2009 hat eine Expertenkommission unter Leitung von Ex-Weltbank-Chefökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz im Auftrag der UN einen Bericht zur Reform des internationalen Währungs- und Finanzsystems vorgelegt. Was u.a. auffällt, ist der Tenor: Gewisse "ökonomische Philosophien" werden als Ursache für die Fehler, die im Zusammenhang mit der Krise gemacht wurden, genannt, namentlich Neoliberalismus und Marktfundamentalismus.[33] Die "größten ökonomischen Philosophen" sind hingegen neben Keynes auch – believe it or not – Marx.[34] Der eingangs erwähnte deutsche Ökonom Jan A. Kregel hat ebenfalls mitgewirkt. Gut denkbar also, dass folgende Passage auf ihn zurückgeht: "In der Tat ist die Idee einer internationalen Reservewährung, die von einer übernationalen Bank herausgegeben wird, nicht neu. Bereits vor mehr als 75 Jahren wurde sie von John Maynard Keynes in seiner "Treatise on Money" angesprochen und in seinem Bretton-Woods-Plan für eine Internationale Clearing Union spezifiziert. [...] Es gibt erheblichen Diskussionsbedarf für die internationale Gemeinschaft im Hinblick auf die konkrete Ausgestaltung. Jedoch ist dies eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Dies ist ein durchführbarer Plan und es ist zwingend, dass die internationale Gemeinschaft beginnt, an der Gestaltung eines solchen neuen globalen Reservesystems zu arbeiten."[35]
Noch mehr Aufsehen erregte der UNCTAD Trade and Development Report 2009: "Die UNO will den Dollar durch eine neue globale Währung ersetzen", so titelte der britische Telegraph.[36] "In a radical report" habe die UNCTAD das bestehende Währungs- und Finanzsystem als nicht ordentlich arbeitend und größtenteils verantwortlich für die Finanz- und Wirtschaftskrise bezeichnet. Das bestehende System mit dem Dollar als Weltreservewährung sollte Gegenstand einer umfassenden Überprüfung werden. Dies sei das erste Mal überhaupt, dass eine multinationale Institution einen solchen Vorschlag mache.
Unter Bezugnahme auf den Bericht der Stiglitz-Kommission (s.o.) verweist der UNCTAD Trade and Development Report 2009 ebenfalls auf den Keynes-Plan[37], allerdings auch darauf, dass der IMF in seiner gegenwärtigen Struktur für die Ansiedlung der ICU wohl nicht geeignet ist, weil er kaum von allen Ländern als neutrale Institution wahrgenommen werden würde.[38]
Der SUCRE in den ALBA-Staaten Lateinamerikas
Während die einen noch diskutieren, schaffen andere bereits Tatsachen: Am 03.02.2010 wurde die erste Finanztransaktion mit dem SUCRE (Sistema Unitario de Compensación Regional, z.dt.: "Einheitliches System des regionalen Ausgleichs") durchgeführt, als Kuba eine Lieferung von 360 Tonnen Reis aus Venezuela mit 108.000 SUCRE bezahlte. Der SUCRE, dessen Gegenwert mit gegenwärtig 1,25 US-Dollar angegeben wird, ist die gemeinsame Rechnungswährung der ALBA-Staaten für den gegenseitigen Handelsverkehr. Damit soll die wirtschaftliche Integration der Staaten der Region vereinfacht und gleichzeitig die Abhängigkeit vom Dollar verringert werden.[39]
Die neue Währung wurde am 27. Januar 2010 eingeführt und existiert nur als Buchgeld. Die Einführung des SUCRE wurde im November 2008 von den Regierungen der sechs ALBA-Mitglieder (Bolivien, Dominica, Honduras, Kuba, Nicaragua und Venezuela) gemeinsam mit Ecuador beschlossen. ALBA steht für (z.dt.) "Bolivarianische Allianz für die Völker unseres Amerika – Handelsvertrag der Völker"[40 und ist ein wirtschaftliches, aber auch ein politisches Bündnis von derzeit neun Staaten Lateinamerikas und der Karibik. Das Bündnis soll eine Alternative zur von den USA geplanten gesamtamerikanischen Freihandelszone ALCA darstellen.
Der SUCRE ist zwar noch kein Bancor, aber es gibt interessante Parallelen: Wie der Bancor tritt der SUCRE nicht in Notengeldform auf und dient auch nicht als Zahlungsmittel auf nationaler Ebene, auch nicht als bargeldloses. Wie der Bancor ist der SUCRE allein ein System gegenseitiger Verrechnung auf supranationaler Ebene. Und wie der Bancor bedarf der SUCRE keiner nationalen Währung als Leitwährung und mithin auch keines US-Dollars. Was daraus wird, muss man sehen, aber ein Anfang ist gemacht.
Resümé
Was könnte eine an Keynes orientierte Weltwährungsordnung für die Welt leisten?[41]
- Eigenständige Einzelstaaten, die mit eigenen, binnenwirtschaftlich stabilisierten Währungen mit einem neutralen Bindeglied verkoppelt würden.
- Gerechtere und ausgleichendere Währungsverhältnisse in den einzelnen Ländern, die für langfristig stabile und friedfertige Verhältnisse als notwendig vorausgesetzt werden müssen.
- Gute währungspolitische Voraussetzungen für eine echte realwirtschaftliche Konvergenz. An die Stelle der bisherigen Polarisationsprozesse treten Angleichungsprozesse.
- Ein System, das sich offen zeigt für die freiwillige Teilnahme von Ländern aus allen Erdteilen, die Stück für Stück unter Zuhilfenahme der ihnen gewährten zinslosen Darlehen (s.o.) ihr Wirtschaftspotential allmählich und behutsam ausbauen, ohne über Schuldenspiralen in wirtschaftsimperialistische Abhängigkeitsverhältnisse zu geraten.
Ein intensiver Anhänger des Keynes-Plans – und zwar schon immer – ist auch der populäre deutsche Ökonom Wilhelm Hankel[42]: "Der Finanz-Globalismus wäre unter Kontrolle gestellt. Er wäre gezähmt und betriebssicher [...], denn Währungsschwankungen fänden kaum noch statt und mit dem Währungsrisiko gingen sowohl die Spekulationsgeschäfte wie die Crash-Gefahren zurück. Die internationale banking community käme wieder an die Leine eines zur Weltzentralbank aufgewerteten IWF. Die internationalen Finanzmärkte hörten auf, ein Jagdrevier für Kredithaie und Hasardeure zu sein."[43]
Und auch die bekannte französisch-amerikanische Politologin, Attac-Gründerin und langjährige Vize-Präsidentin Susan George setzt sich für eine Neubelebung der Diskussion über Keynes’ Bancor-Plan ein: "Mit einer ITO und einer ICU ließe sich eine Weltordnung entwickeln, in der ein so riesiges Handelsdefizit, wie es derzeit die Vereinigten Staaten aufweisen, ebenso ausgeschlossen wäre wie die enormen Handelsbilanzüberschüsse, die das heutige China erzielt. Bei einem solchen System wären die drückenden Schulden der Dritten Welt ebenso undenkbar gewesen wie die verhängnisvollen Strukturanpassungsprogramme, die sich IWF und Weltbank für die armen Länder ausdenken.[...] Keynes kam mit seiner Idee damals bekanntlich nicht zum Zuge. Das Nachsehen haben heute die unterentwickelten Länder, in denen Weltbank und IWF mit ihren aufgenötigten Strukturanpassungsprogrammen Verwüstungen angerichtet haben."[44] Und der britische Umweltökonom George Monbiot würdigt den Bancor-Plan wie folgt: "Das Geschenk, das Keynes uns machte und das wir bisher nicht annehmen wollten, ist eine Welt, in der arme Länder nicht tun müssen, was die reichen ihnen vorschreiben – ja, in der sie nicht einmal arm bleiben müssen".[45]
Wir sollten zu einem Konsens darüber (zurück-)finden, dass die sog. Marktwirtschaft nicht Selbstzweck sein darf, sondern auch und gerade im Zeitalter der Globalisierung im Dienste der Bedürfnisse der Menschen stehen muss. Und dass deshalb auch nicht der Mensch um des Weltmarkts willen, sondern allenfalls der Weltmarkt um der Menschen willen da sein muss. Wer den globalen Markt will, muss auch eine globale Rahmenordnung des globalen Marktes wollen – oder wenigstens akzeptieren. Keynes’ Plan weist ihn einmal mehr aus als einen Welt-Ökonomen, der von einem gesunden wohlfahrtspolitischen Instinkt getragen war und nach seinem Tode zu Unrecht auf einen "Mr. Deficit Spending" reduziert wurde. Seine Ideen und Gedanken können gerade heute wegweisend sein für Entwürfe, die ökonomische Vernunft mit Interessen des Gemeinwohls verbinden. Sein Plan ist sein Vermächtnis für die "Eine Welt". Er ist sein Testament für uns geblieben. Bis zum heutigen Tage.
Noch wird es einiges kosten, dorthin zu kommen. Hoffentlich kein Blut, aber Schweiß und Tränen allemal. Denn schließlich war es kein geringerer als Keynes selbst, der seinen Entwurf als ein Ideal bezeichnete und utopisch in dem Sinne, "dass er einen höheren Grad an Verständnis, Geist, mutiger Innovation und von internationaler Kooperation und Vertrauen voraussetzt, als man sicher oder vernünftigerweise annehmen kann."[46] Doch eines ist gewiss: So schnell wird der Keynes-Plan nicht wieder im Dornröschenschlaf versinken. Denn wie heißt es bei Udo Jürgens so schön zum Schluss: "Mit 66? Ist noch lang’ noch nicht Schluss!"
Anmerkungen
1 Siehe Keynes 1988.
2 Siehe Betz 1998.
3 United Nations Conference on Trade and Development.
4 Vgl. im Folgenden auch Betz 1998, Betz 06/2000 und Betz 07-09/2000.
5 Keynes 1988, (v), S. 39.
6 Keynes 1988, S. 41.
7 Keynes 1988, S. 41.
8 Vgl. im Folgenden Keynes 1988, S. 47.
9 Beispielsweise sollte die internationale Ordnungsmacht die Möglichkeit bekommen, zusammen mit der ICU über die weitere Verwendung des Verrechnungskontos eines säumigen Teilnehmerstaates zu befinden etc.
10 Keynes 1988, IV, S. 43.
11 Kregel 1988, S. 52.
12 Zit. nach Braunberger 02/07/2009.
13 Keynes 1988, S. 45.
14 In abgeschwächtem Maße und regional begrenzt haben sich auch Euro und Yen als Leitwährungen etabliert.
15 Zit. nach Hankel 1986, S. 75.
16 Keynes 1988, (ii), S. 39.
17 Keynes 1988, S. 44.
18 Boehringer 2009, S. 17.
19 Zit. nach Zoche, Georg: "Der Dollar war's - und nicht die Gier", S. 1.
20 Hersel / Trost 2008, S. 1.
21 Hersel / Trost 2008, S. 7.
22 Hersel / Trost 2008, S. 9.
23 Daly 2009
24 auf Deutsch 2007 im Gauke-Verlag erschienen, Buchbesprechung von T.G.Betz in der ZfSÖ No. 160/161, April 2009, online unter: www.zfsoe-online.de/ZfSO-160-161_Rez.pdf
25 ebenfalls im Gauke-Verlag erschienen, Buchbesprechung von T.G.Betz in der ZfSÖ No. 160/161, April 2009, online unter: www.zfsoe-online.de/ZfSO-160-161_Rez.pdf
26 Daly 2009.
27 Xiaochuan, Zhou 2009; Übersetzung durch den Autor.
28 Fischermann / Schieritz / Sieren 2009.
29 Braunberger 02/07/2009.
30 Braunberger 02/07/2009.
31 Zit. nach Boehringer 2009, S. 22.
32 Boehringer 2009, S. 22.
33 UN 2009, S. 132.
34 UN 2009, S. 9, Übersetzung durch den Autor.
35 UN 2009, S. 110, Übersetzung durch den Autor.
36 Conway 2009, Übersetzung durch den Autor.
37 Vgl. UNCTAD 2009, S. 123.
38 Vgl. UNCTAD 2009, S. 130.
39 Vgl. www.amerika21.de/nachrichten/inhalt/2010/feb/sucre-624353-geschaeft/ (05.02.2010).
40 Im spanischen Original: "Alianza Bolivariana para los Pueblos de Nuestra América - Tratado de Comercio de los Pueblos, ALBA-TCP".
41 Vgl. im Folgenden auch Betz 1998, Betz 06/2000 und Betz 07-09/2000.
42 Der ja im Hinblick auf seine Einschätzung der Haltbarkeit des Euro auch nicht so falsch lag, wie sich gerade in diesen Tagen zeigt.
43 Siehe Hankel 1998.
44 George 2007.
45 Monbiot 2003, S. 184.
46 Zit. nach Braunberger 02/07/2009.
Literatur
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