Völlig zu Recht schreiben Sie "das Problem sei nicht das einzelne Institut, das Problem sei das System" und zitieren den Analysten Mike Mayo: "Die falschen Anreize, die schon die Finanzkrise ausgelöst haben, sind auch heute noch intakt."
Einer dieser falschen Anreize besteht darin, dass die Geldvermögen schneller wachsen als die Waarenmärkte. Die übergroßen Geldvermögen drücken auf den mit der Ausleihung zu erzielenden Preis, die Zinsen für langfristige Ausleihungen sind extrem niedrig. Daher ist es heute lukrativer, mit dem Geld zu spekulieren als es langfristig auszuleihen.
Leider folgen sie an dieser Stelle dem gängigen Reflex, das Wirtschaftswachstum als Ursache zu definieren. „Die amerikanische Wirtschaft wächst nicht einmal halb so schnell wie in den Neunzigerjahren.“ Die interessante Frage, welche Anreize nötig sind, damit sich das Geldvermögen auch bei Wachstumsraten um null den Märkten nicht verweigert, stellen Sie nicht. Stattdessen zitieren Sie fantasielose Forderungen, deren Umsetzbarkeit Sie noch im selben Absatz zurückweisen: „Überall rufen Politiker und Unternehmer nun nach neuen Wachstumsinitiativen, doch die Arsenale der Regierungen sind leer. (…) Für neue Ausgabenprogramme ist kein Geld da.“
Warum eigentlich braucht es staatliche Programme um Wachstum zu erzeugen? Warum fragen Sie nicht, wie man die vorhandene Liquidität nutzen kann? Vor einer Woche schrieben Sie, dass die Sichteinlagen der Banken bereits auf 4700 Milliarden Euro angewachsen sind. Schon 10 % dieser Summe wären ein gigantisches Investitionsprogramm. Doch über die Enthortung der Privatvermögen findet man bei Ihnen keine Zeile. Stattdessen lesen wir immer und immer wieder über den ohnmächtigen Versuch der EZB, die zunehmende Hortung mit immer neuem Geld zu kompensieren und die fatale aber logische Konsequenz an den Finanzmärkten: „Doch das viele Geld, das (die Notenbanken) in den Finanzsektor pumpen, kommt in der Wirtschaft nicht an.“ Warum denn auch frage ich Sie?
Wenn sich für die von Ihnen bezifferten über vier Billionen Euro Sichteinlagen die langfristige Anlage nicht lohnt, lohnt es sich auch für zusätzliches Geld nicht. Der Marktanreiz besteht darin, besser mit riskanten Spekulationen mehr als 2 % Gewinn zu machen, als sein Geld langfristig für 1,8 % auszuleihen.
Die offensichtliche Folge dieser falschen Anreize ist „…ein gefährlicher Boom, getrieben von billigem Geld, nicht von nachhaltigen Wachstum.“ Doch auch in diesem Satz versteckt sich ein Denkfehler: die Ursache des gefährlichen Booms, beziehungsweise der Blasenbildung, ist das immer neu herausgegebene Geld. Massives Wirtschaftswachstum wäre ein Ausweg, wenn es dafür eine ausreichende Notwendigkeit gäbe. Der Verzicht auf die Geldmengenexpansion durch eine konstruktive Geldumlaufsicherung wäre eine Alternative und sicherlich die bessere.
Sie schreiben weiter: "Früher sorgten Banken, Fonds und Investmentgesellschaften dafür, die Ersparnisse der Bürger in technischen Fortschritt, Wachstum und neue Arbeitsplätze zu verwandeln. Heute organisieren sie die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von unten nach oben…“ Diese Trennung in früher und heute ist unsinnig. Verändert hat sich die Marktlage, sprich die zunehmende Sättigung der Märkte und das überproportionale Wachstum der Geldgrößen. Die Motivation der Banker ist ein Konstrukt um ein Feindbild zu pflegen, führt aber in die Irre. Da, wo es sich lohnt, unterstützen Banken auch heute sinnvolle Investitionen. Doch sitzen heute viele Konzerne selber auf Milliarden Euro Liquidität und die Nachfrage nach immer neuen Investitionen nimmt vernünftigerweise ab. Außerdem ist es noch nicht lange her, dass die Banken den Geldanlegern bis zu 400 Milliarden Euro jährlich an Zinsen gutgeschrieben haben. Diese Art der Umverteilung ist zum Glück rückläufig.
Weiter behaupten Sie: "Jetzt bremsen (die Banken) den Aufschwung, weil sie noch immer mit den Reparaturarbeiten beschäftigt sind." Tatsächlich müssen Banken in immer größerem Maße langfristige Ausleihungen mit kurzfristigen Einlagen finanzieren. Die gewaltige Hortung der privaten Geldvermögen verschärft für die Banken die Risiken aus der Fristentransformation. Wenn sie daher die langfristige Kreditvergabe zurückfahren, ist dies die Folge der falschen Marktanreize und nicht in erster Linie den Reparaturarbeiten geschuldet. Auch dieser Vorwurf ist irreführend, zumal Sie kurz darauf darauf hinweisen, dass den Banken nach wie vor zu große Risiken gestattet werden: "Die Finanzmanager können den Wert ihrer Forderungen und Sicherheiten weiter hinter nebulösen begriffen (…) verbergen.“ Die Minimierung dieser Kreditrisiken bei gleichzeitig ausreichender Versorgung der Kreditmärkte muss über das Anlageverhalten der Geldvermögen erfolgen. Es muss sich für den Geldhalter finanziell lohnen, sein Geldvermögen langfristig auszuleihen anstatt es liquide und spekulativ zu nutzen. Es geht auch hier wieder darum, die richtigen Anreize zu schaffen, und damit das System an sich zu stabilisieren.
Und noch zwei kurze Anmerkungen zu ihrer Analyse. Sie behaupten: „Banken verdienen nichts mehr daran, wenn sie Geld bei der EZB parken.“ Banken sollen an der Vermittlung zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer verdienen und dabei das Risiko für den Kreditgeber auffangen. Das Konto bei der EZB ist im Idealfall nur dazu da die Salden zwischen den Banken zu verrechnen, nicht um damit Geld zu verdienen.
Weiter behaupten Sie: „Werden die Zinsen noch stärker gesenkt, schrumpfen die Gewinne (der Banken) weiter.“ Auch das entspricht nicht der Realität. Die Gewinnspannen der Geschäftsbanken sind, historisch belegbar, höher, in Zeiten niedriger Zinsraten. Steigende Zinssätze erhöhen das Ausfallrisiko und drücken auf die zu realisierenden Gewinnmargen. Für die aktuell rückläufigen Gewinner ist nicht das niedrige Zinsniveau verantwortlich, sondern die zu flacher Zinsstruktur. Für die einzelne Sparkasse ist es belanglos, ob die Differenz aus Kreditzinssatz und Einlagenzinssatz aus 8% minus 7% oder aus 1,7% minus 0,7 % resultiert. Entscheidend ist die Bereitschaft der Geldbesitzer, das Geld langfristig auszuleihen. Die fehlenden Durchhaltekosten auf die liquiden Geldmittel erzeugen aber Hortung. Es fehlt der Anreiz zur langfristigen Geldausleihung und dies schränkt das Kreditgeschäft ein. Das System wird mit jedem Monat instabieler.
Klaus Willemsen, 25.10.2014
Verwendete Quelle: DER SPIEGEL, 43/2014
