SPIEGEL: DDR-Zentralbanker hält Währungsunion für Katastrophe

Der frühere Vize-Chef der Zentralbank und Mitarbeiter der Deutschen Bank, Edgar Most, hat im SPIEGEL zum 20-jährigen Jubiläum der Währungsunion eine bittere Bilanz des Mega-Projekts gezogen. Politisch sei die Einheit gelungen, wirtschaftlich betrachtet sei das Ergebnis eine Katastrophe. Verantwortlich dafür sei vor allem Helmut Kohl.

Kohl habe damals überraschend verkündet, "dass die Währungsunion am 1. Juli 1990 mit eins zu zwei starten sollte - ohne dies mit den Parlamenten und den Zentralbanken beider deutscher Staaten abzustimmen. Es ging nur um wahltaktische Überlegungen. (...) Die angeblich unabhängige Bundesbank war nicht unabhängig.", so Most im SPIEGEL-Interview.

Der Ex-DDR-Zentralbanker geht davon aus, dass u. a. mit einem anderen Wechselkurs weite Teile der ostdeutschen Industrie hätten erhalten werden können. Das Ziel hätte nach Ansicht von Most sein müssen, "die Grundstrukturen der Wirtschaft zu erhalten. Die Treuhand hätte einen Großteil der Betriebe erst sanieren und dann über den Kapitalmarkt privatisieren müssen."

Das Ziel sei jedoch offenbar ein anderes gewesen: "Die Einheit war doch in den ersten Jahren ein gewaltiges Konjunkturprogramm für den Westen. Dorthin gingen alle Aufträge, vom Architekten bis zum Rechtsanwalt. Die haben glänzend verdient und der Absatzmarkt Ost samt Osteuropa hat vor allem die Wirtschaft West stabilisiert."