»Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm hat die Entscheidung der Bundesregierung für einen Tankrabatt als zynisch bezeichnet. So werde auf Kosten der jungen Generation das Fahren von Autos mit Verbrennungsmotor subventioniert, sagte die Ökonomin dem "Kölner Stadt-Anzeiger".« Die Regierung versucht sich kurzfristige Sympathien zu kaufen, anstatt die entscheidenden Strukturen anzugehen. »Aber am Ende führt es nur dazu, dass viele Wähler sich frustriert von den etablierten Parteien abwenden, weil sie ihren Job eben nicht machen.« Mit diesen Worten bringt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm die Folgen einer Politik, die notwendige Strukturreformen immer wieder aufschiebt, auf den Punkt.
Sie beschreibt nicht nur ein wirtschaftspolitisches, sondern auch ein demokratisches Problem. Wenn die Politik immer neue Entlastungspakete auf Kosten der Steuerzahler schnürt, ohne die Ursachen wirtschaftlicher Belastungen ausreichend anzugehen, riskiert sie einen weiteren Vertrauensverlust. Die Abwanderung enttäuschter Wähler an die Ränder des politischen Spektrums ist eine weltweit zu beobachtende Folge.
In der Debatte über Strukturreformen wird eine entscheidende Frage viel zu selten gestellt: Warum nehmen wir ein Zinsniveau hin, das Investitionen verteuert, öffentliche Haushalte belastet und den Druck zu ständigem Wirtschaftswachstum erhöht? Während über Steuersenkungen, Subventionen und Einsparungen gestritten wird, bleiben die langfristigen Finanzierungskosten der Volkswirtschaft weitgehend außerhalb der politischen Reformdebatte.
Dabei verdient und verlangt eine grundlegende Zielsetzung weit mehr Aufmerksamkeit: ein dauerhaftes Kapitalmarktzinsniveau unterhalb der nominalen Wachstumsrate. Unter dieser Bedingung lässt sich die bestehende Schuldenlast bei ansonsten gleichen Voraussetzungen leichter tragen. Öffentliche und private Investitionen werden finanziell weniger belastet. Auch die Abhängigkeit von ständig steigenden Einkommen zur Bedienung bestehender Schulden könnte abnehmen.
Die Wirtschaftswissenschaft ist gefordert, die Voraussetzungen und Folgen einer solchen Zinsstruktur systematisch und empirisch zu untersuchen. Wie hängen Liquiditätsbestände, Geldzurückhaltung und langfristige Kapitalmarktzinsen zusammen? Welche Rolle spielt die effektive Zinsuntergrenze? Kann eine Liquiditätsgebühr auf Zentralbankgeld helfen, die langfristigen Finanzierungskosten zu senken, ohne die Preisstabilität zu gefährden? Und unter welchen Bedingungen würde ein niedrigeres Zinsniveau tatsächlich produktive Investitionen fördern, statt lediglich die Preise bestehender Vermögenswerte zu erhöhen?
Diese Fragen gehören ins Zentrum der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung und der öffentlichen Debatte. Notwendig wären internationale Vergleiche, historische Untersuchungen und belastbare makroökonomische Modellierungen. Insbesondere müsste empirisch überprüft werden, ob sich ein dauerhaft niedriger Kapitalmarktzins mit stabilen Preisen, ausreichender Kreditversorgung und einer tragfähigen Zinsstruktur für die Banken verbinden lässt.
Eine ergänzende Bodenpolitik wäre dabei wichtig, damit niedrigere Finanzierungskosten nicht überwiegend in steigende Bodenpreise fließen, wie es in der zurückliegenden Minus-Zins-Periode zu beobachten war.
Grimms Kritik an der kurzfristigen Subventionspolitik verweist somit auf eine größere Aufgabe: Strukturreformen sollten nicht nur einzelne Belastungen vorübergehend ausgleichen, sondern auch deren wirtschaftliche Ursachen untersuchen und, wo möglich, beseitigen. Die Zinsfrage gehört dabei auf die wissenschaftliche und politische Tagesordnung. Wenn etablierte Parteien Vertrauen zurückgewinnen wollen, müssen sie zeigen, dass sie auch grundlegende wirtschaftspolitische Fragen ernsthaft bearbeiten.
Für Frau Professor Grimm gilt: zurecht zeigt ihr Finger auf die Defizite der Politik. Doch gleichzeitig zeigen drei Finger ihrer Hand auf sie und ihre Zunft.
Lesen Sie hierzu auch: »Die Wirtschaft braucht Negativzinsen und die Banken eine Geldgebühr«, »Warum ich für die Geldgebühr bin« und »Europas Geldpolitik muss sich an der Realität ausrichten«.
Klaus Willemsen, 23.09.2026
Verwendete Quellen:
WEB.DE, 20. September 2026
https://inwo.de/medienkommentare/brauchen-banken-eine-geldgebuehr.html
https://www.klaus-willemsen.de/2020/05/03/warum-ich-fuer-die-bargeldgebuehr-bin/
https://inwo.de/medienkommentare/europas-geldpolitik-muss-sich-an-der-realitaet-ausrichten-1.html
