Von Kratzspuren und Kausalitäten

„Die Zähne eines in Frankreich gefundenen Neandertalers zeigen: Sie konnten sprechen, und waren Rechtshänder“, schreiben dieser Tage einige Zeitungen. Wissenschaftler brauchen gelegentlich Sensationen, um ihre Forschung zu rechtfertigen. Auch haarsträubende Thesen bringen die Diskussion voran und sind daher wichtiger Bestandteil eines Erkenntnisprozesses. Erstaunlich ist, wie stoisch im Vergleich dazu die Volkswirtschaftslehre auftritt.

„Die Neandertaler könnten sich wie heutige Menschen unterhalten haben, während sie mit der rechten Hand Werkzeuge benutzten.“ Kratzspuren an den Zähnen eines Neandertaler Skeletts haben ihn „als Rechtshänder entlarvt“, schreibt u.a. <link http: www.rp-online.de wissen forschung neandertaler-waren-sprechende-rechtshaender-1.2992273 external-link-new-window external link in new>RP-online. „Aus der Rechtshändigkeit schließen die Forscher, dass die linke Gehirnhälfte dominierte und der Mann damit die Fähigkeit zur Sprache hatte“. In der linken Gehirnhälfte liegt auch unser Sprachzentrum, woraus Wissenschaftler des renomierten Senckenberginstituts ihre Erkenntnis ableiten. 

So fantastisch die Argumentationskette der Paläoanthropologen ist, so vernagelt ist die volkswirtschaftliche Diskussion in Bezug auf die Zinsproblematik.

Seit Jahren werden die Weltfinanzmärkte mit Liquidität überschwemmt. Billionen Geldvermögen werden nicht mehr langfristig angelegt, während Staaten und Unternehmen verzweifelt nach finanzierbaren Krediten suchen. Die Notenbank vergrößert permanent die Geldmenge, während die Geldhalter immer größere Bestände horten. Es ist ein Phänomen, wie gleichgültig die Wissenschaft auf diesen Zusammenhang reagiert, beziehungsweise einen solchen glatt leugnet. Die einfache Kausalität, der Geldzurückhaltung durch Kostendruck entgegenzuwirken, ist kaum einem namhaften Wissenschaftler eine Arbeitshypothese wert. Und das, obwohl so eine These weltweit für Schlagzeilen sorgen sollte und den Urheber zum Nobelpreiskandidaten machen müsste.

Sind Ökonomen zu feige, mit provokanten Theorien Diskussionsprozesse voranzubringen? Oder liegt es daran, dass sich die ökonomische Zunft mehr auf dem  Fundament eines festen Glaubens als im dynamischen Raum ständigen Wandels begreift?

Klaus Willemsen, 25.09.2012
Der Autor ist freier Referent der <link http: www.inwo.de>Initiative für Natürliche Wirtschaftsordnung e.V.

Verwendete Quelle:
Rheinische Post 14.09.2012
www.rp-online.de/wissen/forschung/neandertaler-waren-sprechende-rechtshaender-1.2992273